27.04.2020 von Elisabeth Sperr

Kochen: ein Feuer für die Evolution

Ob kochen, braten oder dämpfen – die Zubereitung von Lebensmitteln spielt seit jeher eine zentrale Rolle in allen Kulturkreisen. Dabei ist sich die Wissenschaft einig: Kochen hat auch wesentlich zur Entwicklung des Menschen beigetragen. Aber welchen Einfluss hatte das Kochen darauf, dass Sprachen entstanden sind? Und welche Rolle spielt das Kochen heute?

Die Frage, was uns Menschen einzigartig macht, beschäftigt viele Wissenschaftler gleichermaßen seit Jahrhunderten, darunter Anthropologen, Ernährungs- und Sprachwissenschaftler sowie Philosophen. Die frühen Menschen waren Jäger und Sammler und besonders das Zubereiten von Speisen über Feuer führte zu einschneidenden Veränderungen im Essverhalten. Während der Hunger vorher individuell gestillt wurde, wurde nun gemeinsam in der Gruppe gegessen. Denn alle mussten den Zeitpunkt abwarten, zu dem das Essen gar gekocht war. Das wiederum lenkte das Sozialverhalten in eine neue Richtung. Streitigkeiten um Essen, wie sie oft unter Menschenaffen zu beobachten sind, wichen dem Teilen. Das ermöglichte ein Leben in größeren Gruppen als bisher und stärkte den sozialen Zusammenhalt. Diese Entwicklung brachte für jedes Individuum einen erheblichen Überlebens-Vorteil.

Wissenswert

In der Entwicklung des Menschen begann vor etwa 2,5 Millionen Jahren das Schädelvolumen deutlich zu wachsen. Das Gehirn, ein Gewebe mit großem Energiebedarf, wurde also vergrößert, während sich der Darm, der Nahrung in Energie umwandelt, zeitgleich verkürzte. Dem Anthropologen Richard Wrangham zufolge, hatten die frühen Menschen neue Techniken gefunden, um durch Garen über Feuer mehr Energie aus der Nahrung zu gewinnen. Ob die Beherrschung des Feuers jedoch tatsächlich den Körperbau der frühen Menschen veränderte, wird in Fachkreisen durchaus kritisch diskutiert.


Geselligkeit führt zu Sprache

Das Feuer hatte allerdings noch einen weiteren Nutzen in der Evolution des Menschen. Während die Gruppe rund um die Feuerstelle auf das Essen wartete, wurde die Kommunikation durch Laute immer wichtiger. Im Halbdunkeln des Feuers sind Gestik und Mimik schlecht auszumachen. Worte hingegen, können auch bei schlechtem Licht über weite Distanzen verstanden werden. Die nächtliche Geselligkeit am Lagerfeuer schützte somit nicht nur vor Raubtieren, sondern ermöglichte auch die Entwicklung der ersten Sprachen. Gemeinsam zusammen zu sitzen und Geschichten zu erzählen, förderte dabei ebenfalls das Gruppengefühl.

Wissenswert

Der aufrechte Gang des Menschen spielt ebenfalls eine zentrale Rolle in der Sprachentwicklung. Die dadurch veränderte Atmung ermöglicht es, mehrere Sätze am Stück zu sprechen ohne Luft holen zu müssen. Affen können das wiederum nicht. Sie müssen nach jedem Laut einatmen und können dadurch beispielsweise nur unzusammenhängend Lachen. 


Von Mahlzeit zu Mahlzeit

Ob in der Steinzeit, oder den 1960er-Jahren – Mahlzeiten gaben dem Alltag Struktur. Ging es einst darum, bis zum Einbruch der Dämmerung genug Nahrung für die Gruppe zu beschaffen, so plante die Hausfrau später bereits nach dem Frühstück die nächsten Mahlzeiten für die Familie. Das „Standardmodell“ mit drei Mahlzeiten pro Tag existiert in dieser Form seit dem 19. Jahrhundert. Es kommt aus dem Zeitalter der Agrargesellschaft als die drei Mahlzeiten den Arbeitsalltag strukturierten. Dieses Konzept blieb auch während der Industrialisierung erhalten. Insbesondere in traditionell ausgerichteten Haushalten und bei Älteren sind drei Mahlzeiten am Tag auch heute noch üblich. Jüngere essen dagegen mehrere, kleinere Mahlzeiten untertags und eine größere abends.

Kochen ist in und verbindet – auch heute

Parallel zur Snackification wurden auch Convenience-Produkte immer beliebter. Sie gewährleisten die notwendige Flexibilität in Haushalten, in denen zu unterschiedlichen Zeiten gegessen wird, und ermöglichen es, Zeit für andere Dinge aufzubringen. Das zu Hause selber Kochen hat ungeachtet dessen seinen Stellenwert bewahrt. Gerade in Zeiten, in denen durch globale Phänomene gewohnte Gefüge ins Wanken geraten und allgemeine Unsicherheit zu spüren ist, suchen wir vermehrt Ablenkung und Struktur im gemeinsamen Kochen und Essen. Es ist wieder ein zentraler Bestandteil des Alltags geworden. Und unabhängig davon ob man nun Zeit hat, die neuesten Rezepte auszuprobieren, kochen muss, weil die Kinder zu Hause sind, oder sich gemeinsam zum virtuellen Abendessen verabredet, bildet die Situation auch eine Chance seine eigenen Kochkompetenzen zu steigern. Ob nun mit dem Herd, der weiterentwickelten Feuerquelle, oder beim archaischen Grillen, gar über dem Lagerfeuer: das Zubereiten unseres Essens hat nach wie vor einen großen gemeinschaftsstiftenden Charakter. Dieser kommt besonders in der aktuellen Zeit wieder zu Vorschein und gibt Halt.

Literatur

Cornélio et al.: Human Brain Expansion during Evolution Is Independent of Fire Control and Cooking. Front. Neurosci. 10:167 (2016). 
Dunbar RIM: Group size, vocal grooming and the origins of language. Psychon Bull Rev 24:209–212 (2016). 
Geyer S: Essen und Kochen im Alltag in Ernährungsalltag im Wandel. Springer Verlag, Wien (2007). 
Pisor AC, Surbeck M: The evolution of intergroup tolerance in nonhuman primates and humans. Evol. Anthropol. 8:210–223 (2019). 
Rützler H, Reiter W: Food Report 2020. Zukunftsinstitut GmbH, Wien (2019). 
Wrangham R: The evolution of human nutrition. Curr Bio, 23:9 (2013). 
Znoj H: Kochen für die Evolution. UniPress 167:5-6 (2016). 
N.N: Die große Chronik der Weltgeschichte – Die Zeit der Saurier und die Urahnen der Menschen. Wissen Media Verlag, Gütersloh/München (2008).

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