05.08.2019 von Carina Kern

Mikroplastik: Strategien zur Vermeidung

Um die Mikroplastikbelastung in Gewässern und Produkten einschätzen zu können, arbeiten Wissenschaftler intensiv an neuen Filter- und Analyseverfahren. Dabei packen vor allem junge Menschen kräftig mit an. Ihre kreativen Ideen tragen zu praktischen Lösungen bei und überraschen nicht nur ältere Generationen. Doch nicht nur Forschung, Politik und Wirtschaft sind gefragt, jeder Einzelne kann zu einem nachhaltigeren Plastikmanagement etwas beitragen – jeden Tag.

Im Jahr 2017 wurden allein in Europa 64 Mio. t Kunststoff produziert. Beinahe die Hälfte davon wird als Verpackungsmaterial verwendet. Obwohl sich die Politik europaweit verstärkt dem Thema Plastikvermeidung und Recycling widmet, steigt die Produktion von Plastik stets an. Von besonderem Interesse ist dabei Mikroplastik. Es dringt nach und nach in den Lebenszyklus von Produkten, Tier und Mensch ein. Mikroplastik entsteht über viele Wege: Ob beim Waschen von synthetischer Kleidung oder durch den Abrieb von Autoreifen und Schuhsohlen, ob eingesetzt als Granulat in Kosmetik- und Reinigungsprodukten oder aus verrottenden Plastikgegenständen, z.B. Plastiksackerln. Auch im Sport- und Trainingsbereich fallen große Mengen an. Zu den drittgrößten Mikroplastikquellen zählt das Einstreugranulat bei Kunstrasen auf Fußballplätzen. Auf Vorschlag der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) plant die EU nun, bestimmte Kunstrasen auf Fußballplätzen zu verbieten. Vorwiegend betroffen ist Deutschland, wo es Schätzungen des Deutschen Fußballbunds (DFB) zufolge bundesweit rund 5000 Kunstrasenplätze gibt. Derzeit werden die schädlichen Folgen geprüft. In Hamburg hat man bereits vor längerem auf Streualternativen aus Quarz und Kork gesetzt.

Bestandsaufnahme in der Donau

Mikroplastik nimmt seinen Weg übers Wasser. Daher ist es relevant, die Belastungen zu erfassen und Maßnahmen für den Wasserschutz abzuleiten. Im Rahmen der EU Water Framework Directive wurde mit der Initiative Joint Danube Survey die weltweit größte Flussuntersuchung ins Leben gerufen. Ziel der Initiative ist, die Mikroplastikbelastung entlang der Donau zu analysieren, von der Quelle bis zur Mündung ins Schwarze Meer. An verschiedenen Messstellen werden Wasserproben auf ihre biologische und chemische Zusammensetzung getestet. Somit soll ein „Digitaler Fingerprint“ von Mikroplastikteilchen in der Donau und ihrer Zubringer erstellt werden.

Effiziente Analyse

Um die Filterung und Analyse von Mikroplastik aus Wasser- und Sedimentproben zu verbessern, feilte der deutsche Jungwissenschaftler Gerrit Renner von der Hochschule Niederrhein im Rahmen seiner Dissertationsarbeit an einer neuen Methode. Sein Prototyp arbeitet schneller und zuverlässiger als bisher angewandte Verfahren. Über ein konstant zirkulierendes System lassen sich Mikroplastikteilchen vollständig aus beliebigen Wasserproben filtern und nach Größe sortieren. Anschließend werden die Teilchen mit Infrarotlichtlicht bestrahlt und jedes einzelne anhand seiner gemessenen Wellenlänge mit einer Datenbank verglichen. Aktuell enthält die Datenbank 25 Referenzproben, die einen Großteil der verarbeiteten Kunststoffe enthält. Bis zu 95 % des Mikroplastiks ist dadurch korrekt zu bestimmen. Die Messung und Auswertung mit Renners Prototyp beträgt in etwa fünf Stunden und ist 60 Mal schneller als bisherige Messmethoden.

Schlaue Filtersysteme

Aber nicht nur Dissertationsprojekte bringen Fortschritt, auch Jugendliche helfen engagiert mit. Durch das Waschen von Kleidung aus synthetischem Material lösen sich in der Waschmaschine Kunstfasern. Da diese derzeit in Kläranlagen nicht oder nur teilweise herausgefiltert werden können, gelangen sie ungehindert ins Grundwasser. Im Rahmen des Projekts ‚Jugend forscht‘ erfand eine 15-jährige Schülerin aus Friedberg in Deutschland ein dreiteiliges Filtersystem, das Kunststofffasern effizient aus dem Abflussrohr von Waschmaschinen filtert. Übrig bleibt ein Stück Faserfilz, der im Hausmüll entsorgt werden kann. Damit gewann sie nicht nur den deutschen Bundespreis im Bereich Umwelttechnik, sondern hat auch weltweit ein positives Medienecho ausgelöst. Ob das System seriell in Produkten geht, ist bisher nicht klar.

Mit der Entwicklung neuer Filtersysteme beschäftigt sich auch das von der EU  im Rahmen von Horizon 2020 geförderte Projekt ‚GoJelly‘, bei dem es um die Forschung mit Quallen geht. Besonders in Asien werden die zahlreichen Vorzüge von Quallen und Algen schon seit langem genutzt. Um Plastikrückstände in den Meeren zu reduzieren, könnten die glibberigen Meeresbewohner von großem Nutzen sein. Ihr Schleim könnte als Biofilter Mikroplastik aus dem Wasser entfernen.

Jeder einzelne kann etwas tun

 Sich den eigenen Plastikkonsum bewusst zu machen und das Kaufverhalten zu ändern, kann einiges bewirken. Wo fällt es leicht, auf Plastikverpackungen zu verzichten? Gibt es Alternativen dazu? Benötigt man das Produkt überhaupt? Bestimmte Online-Shops bieten  zudem eine Fülle an plastikfreien Alternativen an. Auch Apps informieren durch Scannen des Barodes bzw. der EAN-Nummer auf Lebensmittel- und Kosmetikverpackungen über die einzelnen Inhaltsstoffe. Wer es mit dem Umweltschutz ernst meint, hat unzählige Möglichkeiten, Plastik zu vermeiden (siehe Kasten unten).

Ausgewählte Tipps zur Reduktion von Plastik im Alltag:
•    Müll trennen und Plastikabfall richtig entsorgen (Container bzw. gelber Sack oder gelbe Tonne)
•    Wo sinnvoll: Mehrweg- statt Einwegverpackungen (abhängig von der Distanz zum Hersteller: unter 200 km Glasflaschen, darüber machen PET-Flaschen Sinn)
•    Verpackungen, Glasflaschen und -gefäße mehrmals verwenden
•    Einweggeschirr, aufwändige Geschenkverpackungen, Trinkhalme u. Ä. vermeiden
•    Egal ob Jute, Baumwolle oder Plastik: Taschen mehrfach oder Korb verwenden
•    Obst und Gemüse im Supermarkt unverpackt oder in mitgebrachten Taschen mitnehmen
•    Leitungswasser statt Wasser in Flaschen trinken
•    Wiederverwendbare Kaffeebecher in Shops befüllen lassen, statt to-go-Becher
•    Feste Seife statt Flüssigseife, Duschgel oder Shampoo
•    Zahnbürsten, Haarbürsten und Kämme aus Bambus oder Holz
•    Kleidung aus Naturmaterial statt Synthetikfasern (z.B. Fleece)

 Buchtipp


Bunk A, Schubert N: Besser leben ohne Plastik.
oekom Verlag, München (2016).
112 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-86581-784-6
Preis: € 13,-

 

Literatur

Liebmann B: Mikroplastik in der Umwelt. Vorkommen, Nachweis und Handlungsbedarf. Report des Umweltbundesamtes, Wien (2015).
Statista: Weltweite und europäische Produktionsmenge von Kunststoff in den Jahren von 1950 bis 2017 (in Millionen Tonnen). www.statista.vom (Zugriff 11.07.2019).
Europäische Union: Für ein umweltfreundlicheres und nachhaltigeres Europa. www.europa.eu (Zugriff 15.07.2019).
Umweltbundesamt: Mikroplastik in der Umwelt. Vorkommen, Nachweis und Handlungsbedarf. Report 2015. www.umweltbundesamt.at (Zugriff 13.07.2019).
Sturm T: Mikroplastik wird donauweit untersucht. www.m.noen.at (Zugriff 13.07.2019).
Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT): Joint Danube Survey 4. www.bmnt.gv.at (Zugriff 13.07.2019).
European Commission (EC): Introduction to the EU Water Framework Directive. www.ec.europa.eu (Zugriff 13.07.2019).
Global 2000: Tipps zum Plastikvermeiden. www.global2000.at (Zugriff 13.07.2019).
GoJelly: A gelatinous solution to plastic pollution. www.gojelly.eu (Zugriff 13.07.2019).
Pfarr C: Krefelder entwickelt Prototyp für Mikroplastik-Analyse. www.rp-online.de (Zugriff 13.07.2019).
Leinfelder B, Regensburger F.: Jugendliche aus Friedberg erfindet Filter für Mikroplastik. www.br.de (Zugriff 13.07.2019).
Europäische Kommission: Fußball: EU plant kein Verbot von Kunstrasenplätzen. www.ec.europa.eu (Zugriff 24.07.2019).

NEWSLETTER
©iStock

Aktuelles zu Ernährung und Lebensstil: Bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert!

EVENTS

9. f.eh-Symposium

1.-2. Oktober 2020: "Einfach zu komplex? Vom Charme simpler Lösungen und unbewussten Folgen des Essens."

Aktuelle Buchvorstellungen

NEU Aufgedeckt. Gerüchteküche und Ernährungsmythen

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Für Kinder mit Zöliakie kochen!

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Wenn das Spiegelbild ein Eigenleben führt

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

NEU Ins Leben starten

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Das Viva-Mayr Kochbuch

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Die Molekülchen Küche-Experimente für Nachwuchs-Köche

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN