20.09.2018 von Dr. Elisabeth Rudolph

Nachhaltigkeit muss cooler werden!

 Das Wort Nachhaltigkeit hat globale Karriere gemacht. Oft wird es als Sustainable Development oder Sustainability bezeichnet. Heutzutage ist der Begriff Nachhaltigkeit aufgrund seiner inflationären Verwendung abgedroschen, die Definitionen sind schwammig. Worum geht es konkret bei dem Thema? Wir haben mit dem Nachhaltigkeits-Experten Fred Luks gesprochen.

Spricht man von Nachhaltigkeit, meint man oft Achtsamkeit oder Zukunftsfähigkeit. Was ist Ihrer Meinung nach konkret darunter zu verstehen?
Luks: Ich persönlich finde, die ursprüngliche Definition aus dem Brundtland-Bericht von 1987, ist ein guter Ausgangspunkt für das Thema. Darin wird Nachhaltigkeit als eine Entwicklung bezeichnet, die die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne die Möglichkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Definition ist sehr offen – wenn es konkreter werden soll, dann beziehe ich mich gerne auf das Dreieck der Nachhaltigkeit. Es steht für ein Sinnbild, das die verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit vereint und eine Balance zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem schafft. Allerdings eine Balance in einer endlichen Welt – das ist eine wichtige Ergänzung.

Nachhaltigkeit findet also auf unterschiedlichen Ebenen und in mehreren Dimensionen statt. Gleichzeitig fordert es zum Umdenken auf. In welchen Bereichen ist ein Umdenken unbedingt erforderlich, um unsere Umwelt „enkeltauglich“ zu machen?
Luks: Ein Umdenken alleine führt zu nichts, denn Wissen führt nicht automatisch zum Handeln. Die Frage ist also vielmehr, was daraus folgt, also die Konsequenz und Umsetzung unserer Denkprozesse. Es ist jedoch gefährlich, die Verantwortung auf einen Einzelnen, beispielsweise den Konsumenten, abzuschieben. Denn in erster Linie müssen sich die Strukturen, aber auch die Kultur einer Gesellschaft verändern.  

Konsument – ein gutes Stichwort: Viele Konsumenten wissen zwar grob, worum es beim Thema Nachhaltigkeit geht, letztlich tun sie aber so, als wäre nichts. Gerade beim Essen macht sich das besonders bemerkbar. Aber ist nicht gerade der Konsument am stärksten in die Pflicht zu nehmen?
Luks: Nein. Ich sehe hier die Gefahr der totalen Überforderung. Nehmen wir das Beispiel Vegetarismus. Ja, es ist vielleicht aus vielen Gründen besser, sich vegetarisch zu ernähren, aber letztlich macht es keinen Unterschied für die Welt, ob eine einzelne Person nun Fleisch ist, oder darauf verzichtet. Um insgesamt nachhaltiger zu werden, braucht es Strukturveränderungen, beispielsweise eine ökologische Steuerreform. Das wird schon seit Jahren diskutiert. In Österreich gibt es sie bis heute noch nicht.

Ist Bio die Lösung?
Luks: Wenn man sich bemüht, biologisch oder auch regional zu essen, dann stimmt auf jeden Fall die Richtung. Der Punkt ist eher, wie man damit umgeht. Zu oft steht der Verzichtsaspekt im Vordergrund. Man skizziert Probleme, gibt aber keine Perspektive. Positive Botschaften sind aber wichtig, zum Beispiel:  Wenn du deine Ernährung umstellst und auf Fleisch verzichtest, biologisch isst oder regional einkaufst, dann lebst du gesünder und nachhaltiger. Man sollte ein positives Bild schaffen, motivieren und nicht nur Horrorszenarien aufzeigen. Spricht man bei Veränderungen des Lebensstils immer nur von Problemen, kommt das genauso spaßbefreit rüber wie das ganze Thema Nachhaltigkeit.

"Nachhaltigkeit muss insgesamt cooler werden – das hat mit Erfolg, Spaß und Lebenslust zu tun."

Wie nachhaltig leben wir Ihrer Meinung nach in Österreich? Top oder flop?
Luks: Es gibt vermutlich kein Land das top ist.

Also besteht Aufholbedarf?
Luks: Ja, genau. Da sind wir wieder bei den Strukturen und Strategien. Nachhaltigkeit ist ein politisches Thema, aber genauso ein kulturelles. Die Normalität ist ein wichtiger Schlüsselbegriff. Wir halten es für normal, wie wir jetzt leben. Diese Normalität ist aber zu ändern. Dabei geht es wesentlich um eine geteilte Verantwortung zwischen dem Staat, den Bürgern und der Wirtschaft.

Sie haben ein Buch zum Thema Nachhaltigkeit geschrieben, mit dem Titel „Ausnahmezustand“. Warum haben Sie gerade diesen Titel gewählt?
Luks: Weil wir uns in so einem Zustand befinden und viele Eskalationsprozesse erleben. Es ist eine paradoxe Situation: Wir wissen, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, gleichzeitig müssen wir die Freiheit unseres Lebensstils verteidigen. Der Ausnahmezustand steht aber auch für das verbreitete Gefühl: So kann es nicht weitergehen.

Über Fred Luks

Fred Luks hat in Hamburg und Honolulu Volkswirtschaftslehre studiert und beschäftigt sich seit langem in Forschung, Lehre und Management mit Zukunftsfragen. Er unterstützt Organisationen in Sachen Nachhaltigkeit und Transformation. Zu seinen bekanntesten Publikationen zählen die Werke „Ausnahmezustand - Unsere Gegenwart von A bis Z“ (2018) und „Hoffnung: Über Wandel, Wissen und politische Wunder“ (2020).

Der Artikel ist erstmals in der ernährung heute 3_2018 „Nachhaltiger Wandel“ erschienen.

Nachlese

Mehr zu Thema gibt es im f.eh-Dossier „Nachhaltig Essen.“.

 

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