29.10.2018 von Dr. Elisabeth Rudolph

Nahrung aus dem Meer

Jahrtausendelang empfanden Fischer und Seefahrer das Meer als unendlich weit, bedrohlich und sogar übermächtig. Dazu reihten sich zahlreiche Mythen um Seeungeheuer und Meeresgötter. Gleichzeitig dient das Meer seit jeher als Lebensgrundlage. Heutzutage ist es entmystifiziert und scheint auch nicht mehr unbesiegbar zu sein. Die Weltmeere sind verwundbar geworden, denn sie sind bedroht und mit ihnen die Nahrungsgrundlage vieler Küstenregionen.

Aus Sicht des Menschen ist Fisch die wichtigste Ressource aus den Weltmeeren. Laut Schätzungen der FAO bestreiten etwa 600 Mio. Erdenbürger ihren Lebensunterhalt entweder direkt oder indirekt mit Fischerei. Bewohner armer Küstenregionen essen vor allem Fisch, der für sie oft die einzige Eiweißquelle ist. Etwa 3 Mrd. Menschen decken ca. 1/5 des tierischen Eiweißes über Fisch, zusätzlich werden sie mit essenziellen Fettsäuren und Spurenelementen versorgt.

Meer als Nahrungslieferant bald ausgedient?

In den kommenden 35 Jahren wird sich der weltweite Nahrungsbedarf aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums verdoppeln. Fisch spielt dabei eine wichtige Rolle. Um die weltweiten Fischbestände ist es jedoch schlecht bestellt: Sie gelten als überfischt. Laut Schätzungen der FAO sind von den wissenschaftlich erfassten Fischbeständen bereits 31 % überfischt und weitere 58 % maximal befischt. Im Mittelmeer sind sogar 93 % der Fischbestände überfischt. Das bedeutet: Wird weiterhin so viel Fisch wie bisher – oder sogar noch mehr – gegessen, gefährdet das die derzeitigen Bestände massiv. Theoretisch können die Fischbestände wieder aufgebaut werden. Die Möglichkeiten dazu sind vorhanden. Die Realität sieht jedoch anders aus: Durch die großflächige und nicht selektive Fischerei werden auch die jungen Fischbestände zerstört. Schuld daran ist unter anderem der sogenannte Beifang, bei dem Jungfische, die eigentlich den Erhalt einer Spezies sichern sollen, in die Fischnetze gelangen. Für den eigentlichen Fang sind sie bedeutungslos. Noch auf hoher See werden sie ausgemustert und landen sterbend oder bereits tot wieder im Meer. Wie hoch die Rückwurfmengen sind, ist ungewiss. Denn nur die Anlandung, also jene Fischmenge, die den Hafen erreicht, wird registriert. Experten vermuten jedoch, dass der Beifang zwischen 40 und 60 % des Fanges ausmacht.

Umdenken erforderlich

Der wachsende weltweite Bedarf an Fisch kann laut Experten nur dann gedeckt werden, wenn das derzeitige Fischereimanagement deutlich verbessert wird. Das bedeutet, dass sowohl die Meeresumwelt und Biodiversität als auch die marinen Lebensräume geschützt werden müssen. Sofern diese Maßnahmen greifen, lassen sich die Fischerträge sogar steigern. Bleibt das Fischereimanagement auf dem derzeitigen mittelmäßigen Maß, reichen die Fischbestände zukünftig gerade aus, um jeden Erdenbürger mit rund 12 kg/Jahr zu versorgen. Das ist jene Menge, die die WHO im Schnitt empfiehlt. Klingt vielversprechend – das Problem ist allerdings der Verteilungsschlüssel für Fisch. Laut WWF werden sich Millionen Menschen Fisch künftig nicht mehr leisten können. Es wird zu einem Versorgungsengpass kommen, der vor allem die armen Küstenregionen treffen wird. Denn Fisch wird global gehandelt: Die Industrieländer werden ihren Bedarf weiterhin decken können, auch wenn sie zu einem höheren Preis importieren müssen. Entwicklungsländer mit einem hohen Fischkonsum müssen mehr Fisch exportieren und selber weniger davon essen. Für diese Regionen steigt somit die Wahrscheinlichkeit, dass sich Armut und Hunger weiter ausbreiten werden.

Ein Expertenrat der EU hat sich ebenfalls diesem Thema gewidmet und kommt zu folgendem Schluss: Mehr Nahrung und Biomasse können nur dann nachhaltig aus den Weltmeeren gewonnen werden, wenn sie weiter unten in der Nahrungskette angesiedelt sind. Konkret beziehen sie sich auf die Marikultur, also Algen, Weichtiere oder Plankton.

Unbedenkliche Aquakultur?

Jeder zweite Fisch, der auf unserem Teller landet, stammt aus sogenannter Aquakultur, einem Zuchtbetrieb unter Wasser. Die Aquakulturen haben sich parallel zur Meeresfischerei entwickelt und sorgen dafür, dass die gesteigerte Fischnachfrage überhaupt gedeckt werden kann. Denn die Erträge aus der Meeresfischerei stagnieren seit ca. 30 Jahren. Deshalb boomen Zuchtbetriebe und wachsen im Durchschnitt um etwa 9 % pro Jahr. China steht hier an vorderster Front und sorgt für knapp zwei Drittel der weltweiten Erzeugnisse. So weit, so gut. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch, dass Fischzucht im großen Maßstab ein mehr als zweifelhafter Lösungsansatz ist, um auf Überfischung zu antworten. Die Betriebe sind meist in Ländern angesiedelt, in denen es an rechtlichen Rahmenbedingungen oder Umweltauflagen fehlt. Zuchtfarmen zerstören oft den natürlichen Lebensraum wild lebender Fische. Weicht man mit dem Bau auf Küstenregionen aus, werden vor allem Mangrovenwälder zerstört. Das beeinträchtigt die Küstenökosysteme und den Küstenschutz. Auch der Futtermittelbedarf für Fische und Meeresfrüchte in Aquakulturen ist enorm: 1 kg Garnelen benötigt bis zu 5 kg Wildfisch, Thunfisch sogar 20 kg. Neben Futterresten gelangen Chemikalien und Medikamente aus den Anlagen ins offene Meer.

Es geht aber auch anders: Aquakultur kann als geschlossener Nahrungskreislauf betrieben werden und umliegende Ökosysteme einbeziehen, statt sie zu belasten. Experten bezeichnen das als integrierte multitrophe Aquakultur, die umweltverträglicher ist und noch dazu den wirtschaftlichen Nutzen erhöht. Das Prinzip ist einfach: Statt Monokulturen zu züchten, setzt man auf mehrere komplementäre Arten aus verschiedenen Ebenen der Nahrungskette. So fressen Seegurken, Garnelen oder Krebse absinkende Kot- und Futterpartikel. Muscheln filtern zusätzlich kleinere Teilchen heraus. Die Ausscheidungen kommen wiederum niedrigeren Lebewesen zugute. Auf diese Art wird ein natürliches Ökosystem aufrechterhalten, während die Belastungen durch Aquakulturen sinken. Doch diese Innovationen sind teuer und pflegeintensiv. Viele Betriebe können sich das nicht leisten.

Unterm Strich

Die Weltbevölkerung wächst stetig und mit ihr die Sorgen um die Ernährungssicherung. Fisch spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn der Bedarf steigt und Millionen Menschen leben von der Fischzucht. Für sie sind die Meeresbewohner oft die einzige Eiweißquelle. Die Weltmeere sind überfischt. Effizientes und konsequentes Fischereimanagement sowie nachhaltige Fischzucht sind notwendig, damit sich die Bestände erholen können.

Für die Praxis heißt das:

  • Betrachten Sie Fisch als Delikatesse und nicht als alltägliches Konsumgut.
  • Um den wöchentlichen Bedarf zu decken, bevorzugen Sie 1 Portion heimischen Fisch (z. B. Saibling, Forelle oder Karpfen) und 1 Portion Meeresfisch (z. B. Lachs, Makrele, Thunfisch).
  • Achten Sie beim Kauf auf Bio- und Umweltsiegel.
  • Nutzen Sie die Informationen zu Fisch- und Meeresfrüchten aus Fisch-Einkaufsratgebern. 

 

Der Text ist die gekürzte Fassung des Artikels: Rudolph E: Nahrung aus dem Meer, ernährung heute 3_2018, S. 16-18.

Literatur

FAO: Yearbook. Fishery and Aquaculture Statistics 2016, Rome (2018).
FAO: Rebuilding of marine fisheries - Part 1: Global review, Rome (2018).
Pauly D, Zeller D: Catch reconstructions reveal that global marine fisheries catches are higher than reported and declining. Nat Comm 7: 10244 (2016).
FAO: Good practices guidelines (GCP) on national seafood traceability systems, Rome (2018).
WHO: Global and regional food consumption patterns and trends: Availability and consumption of fish. Internet: www.who.int/nutrition/topics/3_foodconsumption/  (Zugriff: 22. August 2018).
WWF: Der WWF Fischratgeber. Internet: www.wwf.at/fischratgeber (Zugriff: 22. August 2018).
Camia A et al.: Biomass production, supply, uses and flows in the European Union: First results from an integrated assessment. EUR 28993 EN (2018).
FAO: Aquaculture Newsletter. No. 58, Rome (2018).
Buck BH et al.: State of the Art and Challenges for Offshore Integrated Multi-Trophic Aquaculture (IMTA). Front. Mar. Sci. 5: 165 (2018).
DACH Netzwerk Algen: Algenbiotechnologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Internet: www.algendach.net/ (Zugriff: 24. August 2018).

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