21.07.2007 von Petra Borota-Buranich

(Un)bewegter Alltag

„Auch Kleinvieh macht Mist“ sagt der Volksmund, wenn die Summe kleiner Anteile doch beträchtlich ausfällt. Was sich auf Arbeit oder Geld beziehen kann, trifft ebenso auf Bewegung zu. Denn auch viele kleine und kurze Bewegungsphasen kurbeln den Kalorienverbrauch effektiv an.

Mehr als zwei Drittel aller Menschen schaffen es nicht, sich 30 Minuten am Tag zu bewegen. Das denken sie zumindest. Denn es zählt jeder Schritt. Klar, wenn es um gesundheitsfördernde Bewegung geht, bei der der Herz-Kreislauf angeregt werden soll, reichen Miniaturaktivitäten nicht aus. Dafür sind Etappen von 10 Minuten mit erhöhtem Puls erforderlich. Doch um den Energieverbrauch anzukurbeln, sind alle kleinen Bewegungen wertvoll.

James A. Levine vom Mayo Forschungsinstitut in Minnesota erforscht den (un-)bewegten Alltag und hat einen neuen Terminus geschaffen: NEAT – nonexercise activity thermogenesis. Obwohl nicht dezidiert so betitelt, ist NEAT die Thermogenese, die weder durch Sport noch durch Nahrung induziert wird. NEAT ist der Energieverbrauch durch alltägliche Bewegungen: Stehen, Gehen, Haus- und Gartenarbeiten oder Zappeln und Spielen. Ob Treppensteigen, zu Fuß Einkaufen gehen oder Sitzungen im Stehen abhalten  - einmal angewöhnt, werden diese Aktivitäten meist über eine längere Zeitdauer bzw. regelmäßig eingehalten. Sie führen dadurch über den Tag verteilt zu einem nennenswerten Energieverbrauch. Ein Beispiel: Würde eine 70 kg schwere Person die Hälfte ihrer Arbeitszeit gehend verbringen, würde sie 400 kcal pro Tag extra verbrennen. Eine negative Energiebilanz in diesem Ausmaß wäre mit einem Gewichtsverlust von ca. 13 kg pro Jahr verbunden. Levine hat dazu das „bewegte Büro“ konzipiert: Stehpulte und Laufbänder ergänzen den klassischen Arbeitstisch. So kann in fast allen Lebenslagen gearbeitet und nebenbei der Energieverbrauch erhöht werden.

« Es ginge vieles besser, wenn man mehr ginge. »

Obwohl die durchschnittliche Kalorienaufnahme und auch der Fettverzehr in den letzten Jahren leicht rückläufig sind, zeigen Zahlen aus der EU und den USA einen Anstieg an Adipositas. Dieses Paradoxon wird durch die zunehmende Bewegungsarmut erklärt. Inaktivität und Übergewicht mit all seinen Folgewirkungen stehen nachweislich in einem ursächlichen Zusammenhang. Bei den meisten Menschen ist der Arbeitsumsatz aber nicht durch sportliche Aktivitäten, sondern viel mehr durch die täglichen kleinen Tätigkeiten beeinflusst. James A. Levine stellte fest, dass normalgewichtige Menschen täglich 152 Minuten länger stehen und herumgehen als übergewichtige Menschen. Würden Übergewichtige es den Normalgewichtigen gleich tun, könnten sie pro Tag zusätzlich ca. 350 kcal verbrennen.

Mehr Convenience mit weniger Bewegung

Der „homo industrialis“ muss sich immer weniger bewegen, um alltägliche Dinge erledigen zu können. Viele Tätigkeiten lassen sich inzwischen bequem per Knopfdruck oder Mausklick erledigen. Drive-in-Restaurants, Rolltreppen, Waschmaschinen und viele andere technische Errungenschaften haben viel Convenience mit wenig Bewegung gebracht. In den USA gehen  die Verkaufszahlen für technische Geräte mit der Zunahme von Adipositas einher. Würden wir die alltäglichen Dinge wieder ohne Hilfsmittel verrichten müssen, würden wir ca. 111 kcal täglich mehr verbrauchen.

Beruf - Gender - Bildung

Körperliche Leistung wird häufig als Physical Activity Level (PAL)  angegeben. Die meisten Unterschiede bei den PAL-Werten ergeben sich durch die beruflichen Betätigungen. Während ein Büroangestellter mit sitzender Tätigkeit einen PAL von 1,6 aufweist, hat ein Bauarbeiter einen PAL von 2,4. Die Differenz im täglichen Energieverbrauch liegt bei 1200 kcal. Ähnliches gilt für die Freizeit: Verbringt ein Büroangestellter sechs Stunden seiner Freizeit liegend mit dem Schalten der Fernbedienung, verbraucht er dadurch 30 kcal. Würde er statt dessen im Garten arbeiten und spazieren gehen, könnte er zwischen 750 und 1125 kcal zusätzlich verbrennen. Die Spannbreite für NEAT kann so bei einer Person bis zu 2000 kcal pro Tag betragen.

Ob NEAT bei Frauen oder Männern höher ist, variiert je nach Kultur und Gesellschaft. In landwirtschaftlichen Populationen ist NEAT bei Frauen beispielsweise bis zu 30 % höher als bei Männern. Weiters zeigen Studien in den USA, dass hoch gebildete Menschen 2-3 Mal aktiver sind als Menschen mit niedriger Bildung. Logisch erscheinen auch die Zahlen, wonach Menschen in den Sommermonaten doppelt so aktiv sind wie im Winter.

Fazit

Um eine Trendwende bei der Epidemie Adipositas zu erzielen, sollte einer aktiven Lebensweise mehr Beachtung geschenkt werden. Kinder und Jugendliche haben im Vergleich zu Erwachsenen meist einen starken natürlichen Bewegungsdrang. Dem sollte nichts in den Weg gestellt werden.  Arbeits-, Schul- und Freizeitwelt verdienten zudem eine Gestaltung, durch die wieder 2,5 Stunden pro Tag mit aktiven Alltagsbewegungen leicht ausgefüllt werden können. Denn wie aktiv wir sind, ist nicht nur biologisch bedingt, es hängt auch wesentlich von der Umgebung ab.

Literatur

Levine JA, Schleusner SJ, Jensen MD: Energy expenditure of nonexercise activity. Am J Clin Nutr 72: 1451–1454 (2000).

Levine JA, Vander Weg MW, Hill JO, Klesges RC: Non-Exercise Activity Thermogenesis. The Crouching Tiger Hidden Dragon of Societal Weight Gain. Arterioscler Thromb Vasc Biol. 26: 729–736 (2006).

Hauner H, Berg A: Körperliche Bewegung zur Prävention und Behandlung der Adipositas. Deutsches Ärzteblatt 12: 617–768 (2000).

NEWSLETTER
©iStock

Aktuelles zu Ernährung und Lebensstil: Bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert!

EVENTS

Nachschau-Video

9. f.eh-Symposium: "Einfach zu komplex? Vom Charme simpler Lösungen und unbewussten Folgen des Essens."

Aktuelle Buchvorstellungen

NEU Aufgedeckt. Gerüchteküche und Ernährungsmythen

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Für Kinder mit Zöliakie kochen!

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Wenn das Spiegelbild ein Eigenleben führt

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

NEU Ins Leben starten

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Das Viva-Mayr Kochbuch

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Die Molekülchen Küche-Experimente für Nachwuchs-Köche

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN