12.11.2018 von Dr. Eva Derndorfer und Mag. Angela Mörixbauer

Von der beleidigten Leberwurst und anderen Redewendungen

Herbst ist Erntezeit. Trauben, Äpfel, Kraut und Rüben werden eingebracht und eingemacht. Auch Fleisch, Wurst & Co. sind Basis so mancher Redewendung.

Wie Kraut und Rüben

unordentlich, chaotisch, durcheinander
Diese Redewendung stammt aus dem 17. Jahrhundert. Sie bezieht sich darauf, dass Kraut und Kohlrüben früher oft gemeinsam angebaut wurden, während andere Gemüse getrennt wuchsen. Eine andere Erklärung ordnet die Redewendung dem Kochen zu, da Kraut und Rüben als Eintopf gemeinsam gekocht wurden.

Wild ins Kraut schießen

schnell wachsen, zunehmen, sich verbreiten
Eine Pflanze, die „ins Kraut schießt“, also viele Blätter und Zweige ausbildet, vergeudet dabei ihre Energie. Der Ertrag an Blüten und Früchten ist dann gering. Analog dazu schießen Gerüchte, Theorien und Spekulationen ins Kraut.

In den sauren Apfel beißen

eine undankbare, aber notwendige Aufgabe übernehmen
Diese Redewendung gibt es bereits seit Martin Luther, vielleicht auch schon viel länger. Sie besagt, dass wir, wenn es nichts anderes gibt, eben saure Äpfel essen müssen. Im übertragenen Sinn ist gemeint, dass man sich fügt, etwas Unangenehmes akzeptiert oder in Kauf nimmt. Das nicht-kulinarische Pendant lautet „die Krot (Kröte) schlucken“.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Kinder geraten ihren Eltern nach
Kinder verhalten sich oft ähnlich wie ihre Eltern oder haben vergleichbare Charakterzüge und Interessen. Eben wie der Apfel, der vom Baum auf den Boden fällt und dabei nie weit weg vom Baumstamm zum Liegen kommt. Im Englischen gibt es übrigens dasselbe Sprichwort: „The apple doesn’t fall far from the tree.” Üblicher ist jedoch „like father, like son“.

Die Trauben hängen zu hoch

Wünsche sind unerfüllbar; etwas ist unerreichbar
Ursprung ist die Fabel „Der Fuchs und die Trauben“ des Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Der Fuchs versucht darin vergeblich, an Weintrauben zu gelangen, die auf einem hohen Gerüst über ihm wachsen. Er ist aber zu klein und kann sie nicht erreichen. Daraufhin tut er so, als wolle er sie ohnehin nicht. „Sie sind mir sowieso noch zu sauer“, meint er. Belegt ist die Verwendung dieser Redensart seit dem 16. Jahrhundert, damals wurde die Äsop’sche Fabel durch den französischen Dichter Jean de La Fontaine bekannt. Auch heute tun wir oft so, als ob wir etwas Begehrenswertes gar nicht haben möchten, um nicht zugeben zu müssen, dass wir gar nicht in der Lage sind, es zu erreichen. Die englische Übersetzung lautet übrigens „It’s just sour grapes“.

Ans Eingemachte gehen

an die Substanz gehen; Reserven angreifen (finanziell, körperlich, geistig)
Als Kühlschränke noch nicht erfunden waren und später, als sich nicht jeder Haushalt einen leisten konnte, wurden Lebensmittel durch Einmachen haltbar gemacht. Um im Winter genügend Essbares im Haus zu haben, machte man Fleisch, Gemüse, Pilze und Obst durch Kochen haltbar. Waren die frischen Lebensmittel aufgebraucht, griffen die Familien zum Eingemachten. Mittlerweile haben Konserven und Tiefkühltruhen das Einmachen zwar vielfach ersetzt, in den Küchen wird es aber in zunehmendem Maß wiederentdeckt. Die Redewendung ist in ihrer übertragenen Bedeutung nach wie vor Teil unseres Sprachgebrauchs.

Weder Fisch noch Fleisch

nichts Halbes und nichts Ganzes
Dieser Ausspruch stammt aus der Reformationszeit. Gemeint waren damals die Wankelmütigen und Unentschlossenen, die sich weder zum Katholizismus noch zum Protestantismus bekannten. Die katholische Kirche bestimmte den Freitag zum Fischtag, in der protestantischen Kirche gab es kein Fleischverbot.

Ein eingefleischter Junggeselle

überzeugt unverheirateter Mann
„Eingefleischt“ bedeutet „in Fleisch und Blut übergegangen“. Es ist eine Lehnübersetzung vom Lateinischen incarnatus bzw. mittelhochdeutschen invleischen und bezeichnete ursprünglich den zu Fleisch gewordenen Jesus Christus.

Es geht um die Wurst

eine wichtige Entscheidung steht an; es geht ums Ganze
Früher gab es bei volkstümlichen Wettkämpfen wie Wurstschnappen, Wurstangeln oder Wurstklettern eine Wurst als Preis. Für arme Leute, die wenig zu essen hatten, war dies ein besonderer Gewinn. Erstmals belegt ist diese Redensart 1881 in Leipzig.

Beleidigte Leberwurst

aus nichtigem Anlass beleidigt tun; jemand, der schmollt
Diese Redewendung geht aus medizinischen Vorstellungen des Altertums hervor. Damals galt die Leber als Produktionsort der Lebenssäfte, und man nahm an, dass Gefühle in der Leber produziert werden. Wenn sich jemand ärgerte, dann hatte er eine beleidigte Leber. Als die Vorstellung von der Leber als Sitz der Temperamente verworfen wurde, hängte man die „Wurst“ dran. Eine ätiologische Erzählung aus Obersachsen beschreibt die Entstehung der heutigen Redewendung: Demnach hat ein Metzger Würste gekocht. Er nimmt alle Würste, die nicht so lange kochen müssen, aus dem heißen Wasser, nur die Leberwurst bleibt allein zurück. Daraufhin ist sie so beleidigt, dass sie vor Wut platzt.

Den Braten riechen

Gefahr oder Gewinn wittern; einen Verdacht haben
Für die Herkunft dieser Redewendung existieren mehrere Erklärungen. Eine geht auf eine Fabel zurück, in der ein Bauer ein Tier zum Essen einlädt. Dieses macht aber auf der Schwelle kehrt, weil es den Geruch eines gebratenen Artgenossen wahrnimmt. Eine andere Erklärung verweist auf Franziskanermönche. Diese folgten dem Armutsgelübde und lebten von Almosen. So zogen sie von Tür zu Tür und baten um Essbares. Oft wurden sie von wohlhabenden Bürgern mit der Erklärung abgewiesen, selbst nichts zu essen zu haben. Doch die Mönche rochen den Braten, der gerade in der Pfanne schmorte.
Der misstrauische Aspekt in der Redewendung kommt wahrscheinlich von früheren Varianten wie „den faulen Braten riechen“. Hier riecht jemand, dass verdorbenes Fleisch verwendet wurde.

Der Artikel ist bereits in der ernährung heute 3_2018 „Nachhaltiger Wandel“ erschienen.

Literatur

N.N: Redenarten-Index: www.redensarten-index.de (Zugriff: 08.08.2018).
N.N: Sprichwörter und Redewendungen: www.sprichwoerter-redewendungen.de (Zugriff: 08.08.2018).
N.N: GeoLino: Redewendungen von A–Z. www.geo.de (Zugriff: 09.08.2018).
de.wiktionary.org/wiki/Wiktionary:Hauptseite (Zugriff: 05.08.2018).
N.N: Mittelalter-Kontor: www.mittelalter-kontor.com (Zugriff: 10.08.2018).
N.N: DWDS: Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart. www.dwds.de (Zugriff: 07.08.2018).
N.N: Mittelalterliche Redewendungen. www.erfurt-lese.de (Zugriff: 06.08.2018).
Mahnerts D: Deutsche Redewendungen. www.detlev-mahnert.de (Zugriff: 11.08.2018).

 

 

 

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