E-Nummern: Zugesetzt oder abgesetzt?

f.eh im Dialog E-Nummern: Zugesetzt oder abgesetzt?

Rückblick

Tagungsrückblick

Von Aspartam bis zu Farbstoffen - Zusatzstoffe in Lebensmitteln geraten regelmäßig unter Kritik. Ernährungsbewusste Konsumenten sind von E-Nummern auf der Zutatenliste verunsichert. Gibt es dafür abseits von subjektiven Empfindungen und Einschätzungen auch objektive Gründe? Das forum. ernährung heute lud am 13. November 2013 zum Faktencheck.

Rund 80 Vertreter aus Wirtschaft, Handel und Politik sowie aus der Fachcommunity Ernährungswissenschaft und Diätologie diskutierten beim "f.eh im Dialog" über Wahrnehmung, Notwendigkeit und Sicherheit von Lebensmittelzusatzstoffen. Das Credo: In der Lebensmittelherstellung verwendete Zusatzstoffe bilden jene Stoffgruppe, deren toxikologisches Potenzial für Menschen am intensivsten überprüft wird, und sie sind unbedenklich. Kritiker davon zu überzeugen, ist und bleibt äußerst schwierig.

E wie Expertise

„Essen ist heute eine komplexe Angelegenheit und Medien tragen nur zu einem gewissen Teil zur Aufklärung von Konsumenten bei. Aus Platzgründen liegt der Fokus der Berichterstattung meist auf Informationen anlässlich von Lebensmittelskandalen oder kritisierten Inhaltsstoffen wie Geschmacksverstärkern oder Farbstoffen. Bei aller Seriosität und Objektivität, den Durchblick in Sachen Ernährung können Medien der Leserschaft nicht bieten", stellte Karin Pollack, Medizinjournalistin bei Der Standard, in den Raum. Eine Karmasin-Umfrage aus 2012 bestätigt die Skepsis bei Zusatzstoffen: Etwa zwei Drittel der Konsumenten sehen deren Einsatz kritisch. Wissenschaftlich betrachtet geraten E-Nummern allerdings ohne guten Grund in die Schlagzeilen: „Egal ob Zusatzstoffe aus dem Labor stammen oder natürlicher Herkunft sind, alle werden nach strengsten Sicherheitskriterien geprüft und stellen kein Risiko für den Menschen dar", sagte Jürgen König vom Department für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien.

E-Nummern - mit Sicherheit geprüft

Die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, definiert für jeden Zusatzstoff den sogenannten ADI-Wert (Acceptable Daily Intake) - also jene Dosis, die bei täglicher und hoher Aufnahme für Menschen völlig unbedenklich ist. Ein Beispiel: Für den viel kritisierten und am meisten untersuchten Süßstoff Aspartam (E951) wurde ein ADI-Wert von täglich 40 mg/kg Körpergewicht festgelegt. Ein 60 kg schwerer Mensch kann demnach ein Leben lang pro Tag 2,4 g Aspartam zu sich nehmen, ohne den Grenzwert zu überschreiten. Das entspricht einem Konsum von rund zwölf Dosen eines Light-Getränks à 0,33 Liter. Einzig Menschen mit der sehr seltenen Stoffwechselerkrankung Phenylketonurie (PKU) müssen darauf achten, kein Aspartam aufzunehmen. Denn das Süßungsmittel wird im Körper zur Aminosäure Phenylalanin abgebaut, die aufgrund der Erkrankung zu gesundheitlichen Schäden führt.

Weniger ist mehr? 

Notwendig sind Zusatzstoffe vor allem aufgrund des modernen Lebensstils. „Wir leben in einem Convenience-Zeitalter und stellen hohe Ansprüche an Lebensmittel: Immer seltener wird selbst gekocht. Viele konsumieren mehrmals täglich teilverarbeitete Lebensmittel, Getränke sowie Fertiggerichte", erklärte Emmerich Berghofer, Lebensmitteltechnologe an der Universität für Bodenkultur Wien. Diese sollen frisch und gleichzeitig lange haltbar sein. Sie sollen geschmackvoll und häufig fettreduziert sein. Von cremig bis knusprig, bestimmt darüber hinaus der Gaumen, welche Textur unser Essen idealerweise haben sollte und ob wir ein Produkt kaufen.

„Wir müssen also realistisch bleiben. Bei allem Wunsch nach mehr Natürlichkeit, Konsumerwartungen wie diese können nicht ganz ohne Zusatzstoffe erfüllt werden", so Berghofer. Auch würde sich bei Weglassen von beispielsweise Pökelsalz (Nitrit) in der Wurstproduktion das gesundheitliche Risiko für die Entwicklung des Botulismus-Bakteriums Clostridium Botulinum erhöhen. Im Falle einer Aufnahme dieses hochgefährlichen Keims kommt es im Spätstadium zur Lähmung der Herz- und Atemmuskulatur. 

Wer hingegen mehrmals in der Woche frische Zutaten einkauft und alle Speisen selbst von Grund auf zubereitet, fischt in einem Angebotssegment mit weniger E-Nummern. Dazu müsste außerdem verstärkt auf verarbeitete Produkte mit langer Haltbarkeit, stabiler Konsistenz und gleichbleibendem Geschmack bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum verzichtet werden. Andererseits können laut Berghofer auch die Hersteller bestimmte Zusatzstoffe weglassen: „Weniger ist mehr heißt aber auch, dass Produkte durch innovative Verfahren und den Einsatz natürlicher Stoffe teurer werden." Gute Akzeptanz gibt es dafür bereits bei Biokonsumenten mit höherem Einkommen. Für alle Käufergruppen ist der gänzliche Verzicht auf Zusatzstoffe jedoch aus vielerlei Gründen keine Alternative.

Alles Clean

„Ohne Zusatzstoffe" verändern sich also nicht nur die Haltbarkeit, Stabilität und Textur des Essens, sondern auch die Herstellung von Produkten. „Auf den Trend in Richtung Clean-Labelling, also dem Vermeiden und Reduzieren von E-Nummern, reagiert die Lebensmittelproduktion heute zunehmend mit neuen Verfahren", stellte Andreas Kadi von SRAConsulting fest. „So werden Konservierungsmittel durch aseptische Abfüllanlagen bei Getränken oder intelligente Verpackungen mit Sauerstofffängern reduziert." Häufig bieten auch natürliche Zutaten - wie Essig, Gewürzextrakte mit antioxidativer Wirkung, Hefe oder Frucht- und Gemüsesaftkonzentrate - Ersatz für Zusatzstoffe.

Ein Apfel voller Zusatzstoffe

Was viele Konsumenten nicht wissen: Auch pflanzliche Lebensmittel enthalten reichlich Inhaltstoffe, die bei verarbeiteten Produkten auf der Zutatenliste deklariert werden müssen: „Im Apfel stecken beispielsweise zwölf verschiedene ‚Zusatzstoffe‘ - wie Ascorbinsäure (E300), die in der Lebensmittelherstellung als Antioxidationsmittel eingesetzt wird oder Pektin (E440), ein gängiges Verdickungsmittel in Marmelade. Auch Glutamat kommt natürlicherweise in hohen Mengen in Parmesan, Tomaten oder Schinken vor", so Kadi. Das ist unter anderem ein Grund, weswegen die italienische Küche als sehr schmackhaft wahrgenommen wird. Und zu guter Letzt, auch Muttermilch enthält von Natur aus Glutamat.

Und Armomastoffe?

„Nahezu drei Viertel aller verwendeten Aromastoffe werden Softdrinks, alkoholischen Getränken und Milchprodukten zugesetzt. Sie sorgen für gleichbleibende Qualität und unterstützen die Haltbarkeit von Lebensmitteln", sagte Veronika Somoza vom Institut für Ernährungsphysiologie und physiologische Chemie an der Universität Wien.

Auch Aromen kommen von Natur aus reichlich in Lebensmitteln vor. So sorgt beispielsweise Propionsäure als natürlicher Schlüsselaromastoff in Emmentaler oder Blauschimmelkäse für guten Geschmack. Wird der gleiche Stoff jedoch in der Produktion aus technologischen Gründen eingesetzt, ist er laut EU-Aromenverordnung 1334/2008 als Zusatzstoff zu deklarieren. So wirkt Propionsäure in Schnittbrot konservierend und landet deshalb als E280 auf der Zutatenliste.

Wissen über Zusatzstoffe bzw. E-Nummern

„E" steht für Europa. Der Nummerncode bedeutet, dass jeder Zusatzstoff einen langen Zulassungsprozess hinter sich hat. Geregelt sind E-Nummern in der EU-Verordnung 1333/2008. Laut Definition dürfen Lebensmittelzusatzstoffe nur dann zugelassen werden, wenn

  • sie technologisch notwendig sind,
  • den Verbraucher nicht täuschen und
  • gesundheitlich unbedenklich sind.

Heute sind 324 Zusatzstoffe in der EU zugelassen, nur 34 % davon sind künstliche Stoffe. In Bio-Lebensmitteln sind nur 50 E-Nummern erlaubt.

Zu den Lebensmittelzusatzstoffen zählen:

Süßungsmittel, Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Antioxidationsmittel, Trägerstoffe, Säuerungsmittel, Säureregulatoren, Trennmittel, Schaumverhüter, Füllstoffe, Emulgatoren, Schmelzsalze, Festigungsmittel, Geschmacksverstärker, Schaummittel, Geliermittel, Überzugsmittel einschließlich Gleitmittel, Feuchthaltemittel, Modifizierte Stärke, Packgase, Treibgase, Backtriebmittel, Komplexbildern, Stabilisatoren, Verdickungsmittel und Mehlbehandlungsmittel.

Programm

Programm als pdf

ab 13.30 Uhr

Registrierung

14.00 Uhr

Eröffnung und Begrüßung

Peter Reinecke, Präsident des f.eh

14.05-14.20 Uhr

E-Nummern in den Medien

Karin Pollack, der Standard

14.20-14.55 Uhr

Notwendigkeit von Zusatzstoffen

Emmerich Berghofer, BOKU Wien

14.55-15.10 Uhr

Abgrenzung von Aromastoffen

Veronika Somoza, Institut für Ernährungsphysiologie
und physiologische Chemie, Universität Wien

15.10-15.40 Uhr

Kaffeepause

15.40-16.25 Uhr

Sicherheit von Additiven

Jürgen König, Department für Ernährungswissenschaften,
Universität Wien

16.25-16.55 Uhr

Innovationen für Clean-Labelling


Andreas Kadi,
sraConsult

16.55-17.25 Uhr

Diskussion und Abschlussstatement

Moderation: Jürgen König, Department für
Ernährungswissenschaften, Universität Wien

Unterlagen

E-Nummern in den Medien

Karin Pollack, der Standard
Präsentation


Notwendigkeit von Zusatzstoffen

Univ.-Prof. DI Dr. Emmerich Berghofer, BOKU Wien
Präsentation


Abgrenzung von Aromastoffen

Univ.-Prof. Dr. Veronika Somoza, Institut für Ernährungsphysiologie und physiologische Chemie, Uni Wien
Präsentation 


Sicherheit von Additiven

Univ.-Prof. Dr. Jürgen König, Department für Ernährungswissenschaften, Uni Wien
Präsentation                         


Innovationen für Clean-Labelling

Mag. Andreas Kadi, sraConsulting
Präsentation

Aus dem Medienecho
CASH 2. Dezember 2013

„Obwohl die als Zusatzstoffe bezeichneten Inhaltsstoffe von Natur aus in vielen Lebensmitteln vorkämen, wie im Apfel oder der Tomate, und sich positiv auf deren Qualität auswirkten, seien sie trotz strenger Überprüfungen oft Thema von Diskussionen.“

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