6. f.eh-Symposium: Über Mythen, Widersprüche und Skandalisierung beim Essen

6. f.eh-Symposium Über Mythen, Widersprüche und Skandalisierung beim Essen

Rückblick

Über Mythen, Widersprüche und Skandalisierung beim Essen

Symposium des forum. ernährung heute


Lebensmittel stehen bei uns nahezu immer und überall bereit. Selten waren die Menschen übers Essen so gut informiert. Dennoch lösen widersprüchliche Informationen ein Gefühl von Unbehagen aus. Der Überfluss macht zu schaffen. Beim Symposium „Über Mythen, Widersprüche und Skandalisierung beim Essen“ des forum. ernährung heute (f.eh) warfen rund 150 Experten einen genaueren Blick auf die Kommunikation rund ums Essen.

 

„Mit Diätwundern oder Heilungsversprechen lassen sich Schlagzeilen machen. Es braucht deshalb eine Allianz der Vernunft all jener, die Empfehlungen rund ums Essen machen – also der Politik, von Gesundheitsexperten, der Wissenschaft und der Medien“, fordert Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser anlässlich der Eröffnung des f.eh-Symposiums.

„Beim Essen schwingen immer zwei tiefsitzende Urängste mit: Die Angst vorm Verhungern und die Angst vor dem Vergiftet-Werden. Während Ersteres in unseren Breiten kein bestimmendes Thema ist, dominiert die Angst, etwas Falsches oder Ungesundes zu essen hierzulande die öffentliche Diskussion“, erklärt Peter Reinecke, Präsident des f.eh. Gleichzeitig gab es noch nie ein derart vielfältiges Angebot an sicheren und hochwertigen Lebensmitteln. Gründe für dieses Paradoxon liegen nicht zuletzt am heute extrem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein, dem Drang nach gesunder Ernährung und gleichzeitig abnehmendem Alltagswissen über Nahrungsmittel und deren Herstellung.

„Die Distanz zur Lebensmittelproduktion nimmt zu. Um 1900 waren 45 % der Österreicher Bauern und unmittelbar mit der Urproduktion von Nahrung beschäftigt. Heute sind es gerade Mal 4 %. In Folge mangelt es den meisten an Ernährungskompetenz“, erklärt Jürgen König vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien. Trifft Unwissen auf widersprüchliche Empfehlungen was „gesund“ oder „ungesund“ sein soll, bietet sich ein guter Nährboden für Skandalisierungen und Panikmache.

Zwischen Missstand und Skandal

Wenn Medien Missstände anprangern, ist für emotionalen Zündstoff gesorgt. Unbestritten müssen Betrugsfälle aufgedeckt und geahndet werden, meist fehlen jedoch in der Berichterstattung realistische Risikoeinschätzungen. „Alle erinnern sich an den BSE-Skandal. Damals wurden 2,8 Millionen Rinder getestet und 125 waren positiv. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Rind mit BSE infiziert war, lag also bei 0,0004 %. Das Risiko für Menschen war äußerst gering. In den Medien fand sich diese Tatsache kaum“, gibt Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationsforschung an der Universität Mainz zu bedenken. Konsumenten wurden also mit einer Unsicherheit allein gelassen. Wichtig bei Skandalen ist deshalb Transparenz und Klarheit darüber, wer tatsächlich in Gefahr ist und was dagegen zu tun ist.

Ernährungsstudien: kritisch zu betrachten

Mit Vorsicht zu genießen sind in der Ernährungskommunikation häufig behauptete Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung, also Kausalitäten wie „Eier erhöhen den Cholesterinspiegel“. Wissenschaftliche Belege für Behauptungen wie diese fehlen meist: „Ernährungsstudien geben in der Regel bloß einen statistischen Zusammenhang wieder, spiegeln eine Korrelation und keine Kausalität. Studienautoren, wissenschaftliche Institutionen sowie Medien sind deshalb gefordert, Ergebnisse und ihre teils fragwürdigen Interpretationen kritisch zu betrachten, besonders dann, wenn es heißt: A verursacht B“, sagt Uwe Knop, deutscher Ernährungswissenschaftler, der zwischen 2007 und 2015 mehr als 1.000 Studienergebnisse durchforstet hat und Ernährungsirrtümer aufdeckt.

Mythen-Check

Wie Konsumenten mit widersprüchlichen Informationen umgehen, zeigt der aktuelle Mythen-Check des f.eh. Im August 2015 wurden eine quantitative Online-Umfrage mit 508 Personen und eine qualitative Erhebung mit Live-Chats und Online-Foren in zwei Fokusgruppen mit 29 Teilnehmern durchgeführt. „Wir stellten fest, dass es eine Reihe von tiefsitzenden gängigen Mythen gibt, welche die Mehrheit der Befragten unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt glaubt. Gleichzeitig handelt es sich dabei kaum um verhaltensrelevante Informationen“, sagt Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des f.eh. Viele der populären Mythen sind zudem tatsächlich Irrglauben: Weder Kohlenhydrate noch das Essen am Abend machen dick. Kaffee entwässert nicht und Zucker macht nicht zuckerkrank.

Essen trifft auf Emotion

Viele Konsumenten sind heute mit der Fülle an Information und deren Widersprüchen überfordert. Klar ist: Aufklärung alleine bewirkt nicht unbedingt die erwünschten Verhaltensänderungen. „Wissen tut man vieles, nur das Handeln fehlt“, so einer der Befragten beim Mythen-Check. Kein Wunder, denn 80% der Ess-Entscheidungen sind emotional gesteuert. Kampagnen arbeiten deshalb immer wieder mit Emotionen. „Furchtappelle sind zwar ohne Zweifel sehr mächtig. Sie sorgen für Aufmerksamkeit, aber wie überzeugend sie tatsächlich sind ist fraglich. Sie können auch unerwünschte Reaktionen und Verhaltensänderungen auslösen wie das Leugnen von Gefahr bis hin zu psychischen Störungen“, gibt Matthias R. Hastall, Kommunikationswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund zu bedenken. Positive Überzeugungsstrategien sowie die Stärkung von Selbstwirksamkeit hält er für erfolgversprechender.


Beim f.eh-Symposium sind sich die Experten einig: Um sachgerecht und zielführend Ernährungsbotschaften zu vermitteln, sind alle Beteiligten aus der Wissenschaft, den Medien, der Gesundheitsbranche und der Politik gefordert, neue Wege zu gehen. Damit Botschaften nicht nur im Kopf der Menschen ankommen, sondern auch ins Herz treffen.

Unterlagen

Realitätscheck - Widersprüche in der Ernährungsdiskussion

Prof. Jürgen König in Vertretung von Prof. Christoph Klotter, FH Fulda
Abstract
Präsentation


Meinungsmarkt der Ernährungskommunikation:

Welche Player formen das Bild?

Priv.-Doz. Mag. DDr. Julia Wippersberg, APA, Wien
Abstract


Mythen-Check: Der Volksmund spricht

Mag. Marlies Gruber, f.eh, Wien
Abstract
Präsentation


Die Theorie der Skandalisierung

Prof. em., Dr. phil. Hans Mathias Kepplinger, Universität Mainz
Abstract
Präsentation


Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien

Dipl.oec.troph. Uwe Knop, echte-esser.de, Eschborn
Abstract
Präsentation


Dem medialen Shitstorm entgehen: Vertrauen durch Haltung

Manon Struck-Pacyna in Vertretung von Christoph Minhoff, BLL, Berlin
Abstract


Am Anfang steht das Wort, am Ende die Kommunikation

emer. o. Univ.-Prof. Dr. Thomas Bauer, Insitut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Wien
Abstract


Furchtapelle: Stilmittel mit Potenzial?

Jun.-Prof. Dr. Matthias R. Hastall, Technische Universität Dortmund
Abstract

 

Programm

Programm als pdf

ab 09.00 Uhr

Registrierung

10.00-10.15 Uhr

Eröffnung und Begrüßung

Peter Reinecke, Präsident des f.eh
BM Sabine Oberhauser, Bundesministerium für Gesundheit

10.15-10.45 Uhr

KEY NOTE: Realitätscheck – Widersprüche in der Ernährungsdiskussion

Christoph Klotter, FH Fulda

10.45-12.30 Uhr

PANEL 1: Meinungsmarkt und Mythen

10.45-11.25 Uhr

Meinungsmarkt der Ernährungskommunikation: Welche Player formen das Bild?

Julia Wippersberg, APA, Wien

11.25-11.55 Uhr

Mythen-Check: der Volksmund spricht

Marlies Gruber, f.eh

11.55-12.30 Uhr

Podiumsdiskussion: Wer nichts weiß, muss glauben!

Christoph Klotter, FH Fulda
Julia Wippersberg, APA
Marlies Gruber, f.eh
Helene Karmasin, helenekarmasin.com
Alexander Zilberszac, Bundesministerium für Gesundheit

12.30-13.30 Uhr

Mittagessen

13.30-15.30 Uhr

PANEL 2: AUFKLÄRUNG ODER SKANDALISIERUNG? – DIE ROLLE DER MEDIEN

13.30-14.10 Uhr

Die Theorie der Skandalisierung

Hans Mathias Kepplinger, Universität Mainz

14.10-14.40 Uhr

Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien

Uwe Knop, echte-esser.de, Eschborn

14.40-14.50 Uhr

Dem medialen Shitstorm entgehen: Vertrauen durch Haltung

Christoph Minhoff, BLL, Berlin

14.50-15.30 Uhr

Podiumsdiskussion: Emotionalisierung und Skandalisierung

Hans Mathias Kepplinger, Universität Mainz
Uwe Knop, echte-esser.de
Christoph Minhoff, BLL
Ursula Riegler, McDonald's

15.30-16.00 Uhr

Kaffeepause

16.00-17.40 Uhr

PANEL 3: QUALITÄT IN DER ERNÄHRUNGSKOMMUNIKATION

16.00-16.30 Uhr

Am Anfang steht das Wort, am Ende die Kommunikation

Thomas Bauer, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Wien

16.30-17.00
Uhr

Furchtappelle: Stilmittel mit Potenzial?

Matthias R. Hastall, Technische Universität Dortmund

17.00-17.40 Uhr

Podiumsdiskussion: Was können wir wissen? – Auswege aus dem Informationsdilemma

Thomas Bauer, Universität Wien
Matthias R. Hastall, Technische Universität Dortmund
Theres Rathmanner, FIBL
Jürgen König, Universität Wien
Franz Floss, VKI

17.40

Zusammenfassung und Abschlussstatement

Marlies Gruber, f.eh

ab 18.00 Uhr

Get together mit Imbiss


Moderation: Martin Kugler, CR Universum Magazin

Fotogalerie
Veranstaltungsort

Albert Hall
Albertgasse 35, 1080 Wien

Aktuelle Buchvorstellungen

NEU Aufgedeckt. Gerüchteküche und Ernährungsmythen

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

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Für Kinder mit Zöliakie kochen!

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

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Wenn das Spiegelbild ein Eigenleben führt

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

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NEU Ins Leben starten

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

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Das Viva-Mayr Kochbuch

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

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Die Molekülchen Küche-Experimente für Nachwuchs-Köche

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

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