29.09.2017

Essen lernen – aber wie? 7. f.eh-Symposium zur Ernährungsbildung der Zukunft

Gut essen ist eine wesentliche Kulturpraktik. In einer Zeit des Waren- und Informationsüberflusses ist die situationsgerechte Auswahl von Lebensmitteln und Speisen jedoch zur Herausforderung geworden. Am 27. September lud das forum. ernährung heute daher zum 7. f.eh-Symposium „Essen lernen – aber wie? Ernährungsbildung der Zukunft“. Wie aktuell das Thema ist, zeigte der Besucheranklang: Rund 200 Teilnehmer aus Ernährungswissenschaft, Politik, Pädagogik, Landwirtschaft und Wirtschaft sowie Medienvertreter kamen in Wien zusammen.

„Die Thematik Essen scheint heute vielen zu komplex und zu verwirrend“, stellt Peter Reinecke, Präsident des forum. ernährung heute (f.eh) in seinem Begrüßungsstatement fest. Sieben von zehn Menschen wissen nicht mehr, welche Informationen rund um Ernährung und Lebensmittel richtig oder falsch sind, das zeigte der f.eh-Mythen-Check 2015. Wissensvermittlung als Problemlösung greift hier zu kurz. Vielmehr geht es in Zukunft darum, durch Ernährungsbildung Kompetenzen zu fördern, die Menschen ermöglichen, verantwortungsvolle Ess-Entscheidungen zu treffen. Bildung bedeutet in diesem Kontext die Befähigung zu einer eigenständigen und eigenverantwortlichen Lebensführung in sozialer und kultureller Eingebundenheit und Verankerung.

f.eh präsentiert „Bausteine für ein besseres Essverhalten“

„Wir sehen bei Kindern, dass sie den Bezug zu Lebensmitteln verloren haben. Sie wissen nicht mehr, wie und wo diese entstehen und können auch nicht einschätzen, welche Wirkungen sie auf uns und die Umwelt haben. Da braucht es mehr Bewusstseinsbildung und auch viel mehr Praxis sowie lustvolles, lebenslanges Lernen“, sagt Marlies Gruber, Geschäftsführerin des f.eh. Aus diesem Grund veröffentlichte das f.eh im Rahmen des Symposiums „6 Postulate zum Thema Essen, Lebensstil, Verantwortung und Bildung“.

Ernährungsbildung fix im Schulsystem verankern

Eine zentrale Forderung des f.eh ist es, Essen im Sinne einer Kulturtechnik verpflichtend interdisziplinär an Schulen zu integrieren. Silke Bartsch, Professorin für Ernährungs- und Haushaltswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, unterstützt diese. „Eine zeitgemäße Ernährungsbildung will junge Menschen befähigen, die eigene Ernährung politisch mündig, sozial verantwortlich und demokratisch teilhabend unter den herrschenden komplexen gesellschaftlichen Bedingungen zu gestalten. Wenn wir eine Grundbildung Ernährung für alle wollen, müssen wir sie institutionalisieren!“ Der Schule als erster formaler Bildungseinrichtung kommt eine besondere Rolle zu, denn unabhängig vom sozio-ökonomischen Status werden hier alle Kinder erreicht.

Mit Hirn, Herz und Händen

Die „Schule des Essens“ ist ein Vorzeigeprojekt, das vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau Österreich (FiBL) entwickelt wurde und durchgeführt wird. Die Projektleiterin Theres Rathmanner vom FiBL: „Unser Ziel ist es, Kinder und Jugendliche für gute – bewusst nicht „gesunde“ – Ernährung zu begeistern. Wir möchten, dass Schüler zu informierten, kompetenten, selbstbestimmten und gesunden Essern mit Sinn für Genuss und Nachhaltigkeit werden. Zentraler Lernort dabei ist die Küche.“ Das geschieht ohne erhobenen Zeigefinger, mit wenigen Gesundheitsargumenten, dafür mit viel Praxis, Selbst-Erfahren, Freude am Ausprobieren und Erleben von Geschmack. Lernen „mit Hirn, Herz und Händen“, wie es Rathmanner bezeichnet. Ziel ist es, die „Schule des Essens“ dauerhaft im Schulsystem zu verankern. Ob und wann dies gelingt, ist, wie bei vielen Projekten, auch eine Frage der Finanzierung.

Schlüsselelemente: Kochen, lachen und staunen

Die Vorstellung ausgewählter Praxisprojekte aus Österreich, Deutschland und den Niederlanden zeigte durchgehend, dass hands-on-Aktivitäten, ein praktischer, alltagsnaher Zugang und emotionale Erlebnisse mit Lebensmitteln klare Erfolgsfaktoren sind. Das heißt, Kinder lernen am besten, wenn sie Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes be-greifen, selbst kochen und gemeinsam essen.
„Ernährungswissen beginnt bereits bei der Produktion“, macht die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Bäuerinnen, Andrea Schwarzmann, aufmerksam. In diesem Sinne sind jährlich etwa 300 Seminarbäuerinnen im Rahmen von rund 1800 Bildungseinsätzen an Österreichs Schulen unterwegs und vermitteln Kindern so praxisnahe Erfahrungen mit Grundnahrungsmitteln. Auch Bundesbäuerin Schwarzmann fordert, die Vermittlung von Ernährungs- und Lebenskompetenz in allen Schulbereichen fix zu verankern. 

Kritisch umgehen mit Neuen Medien

Will man, dass Jugendliche zu kritischen Konsumenten mit Entscheidungskompetenz heranwachsen, kommt man um das Thema Digitalisierung, Social Media und Apps nicht herum. Zum einen können, etwa mittels facebook- oder Instagramm-Beobachtung, Trends und Motive frühzeitig erkannt werden, wie Ronia Schiftan von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) anschaulich darstellte. Zum anderen beeinflussen Apps das Verhalten direkt. In welcher Weise, dazu gibt es derzeit allerdings keine Studien, erläutert Kirsten Schlegel-Matthies, Professorin für Haushaltswissenschaft an der Universität Paderborn.
Sie sieht Apps zwar als guten Anknüpfungspunkt an die Lebenswelt junger Menschen, beurteilt sie aber durchaus kritisch: „Mit der Nutzung von Ernährungs-Apps und der damit oft verbundenen Selbstvermessung wird auch das Verhältnis zum eigenen Körper ein Stück weit entfremdet. Genussaspekte fehlen praktisch völlig. Doch die angebotenen Lösungen klingen einfach und man kann die Verantwortung abgeben. Aber wer hat die Kontrolle über die App? Aufgrund welcher Basisdaten wurde sie programmiert? Wer sagt, was richtig ist? Es ist nicht gesichert, dass die Datengrundlagen einer App wissenschaftlich abgesichert sind.“ Ernährungsbildung dient schließlich, wie Schiftan und Schlegel-Matthies unisono betonen, dem selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper und der Entwicklung einer ebenso selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Ernährungsweise. Der Umgang mit neuen Medien ist dabei nur ein kleiner Aspekt, der aber genauso bearbeitet werden muss.

Wissenschaftlich fundiert, praktisch orientiert

Die wissenschaftliche Absicherung betont auch Jürgen König vom Department für Ernährungswissenschaften der Universität Wien und Leiter des Wissenschaftlichen Beirates des f.eh. „Um die Relevanz oder Korrektheit von Ernährungsinformationen, die in Medien gerne überspitzt oder gar widersprüchlich dargestellt werden, zu beurteilen, braucht es Wissen und Bildung. Ohne breite Ernährungsbildung kann keine Eigenverantwortung übernommen werden.“ König sieht dabei alle Stakeholder in der Pflicht, Studienergebnisse mit Bedacht, sowie allgemeinverständlich zu kommunizieren. Nur so können Konsumenten das Handwerkszeug erlangen, um Ernährungsinformationen eigenständig zu bewerten, in Bezug zu ihrer individuellen Lebenssituation zu setzen und eigenverantwortliche Ess-Entscheidungen zu treffen.

Eigenverantwortung und Reflexion

Noch eine Botschaft liegt König am Herzen: „Schlussendlich ist es wichtig, dass man auch ein bisschen über sich selbst nachdenkt. Ich glaube, die meisten Menschen wissen, was sie falsch machen. Es ist natürlich leichter, die Verantwortung an irgendjemand anderen abzugeben. Wenn man aber sein eigenes Gesundheitsverhalten reflektiert, dann merkt man relativ schnell, dass sehr viele Punkte vorhanden sind, die in der eigenen Verantwortung liegen und wo man die Verantwortung nicht wirklich an jemand anderen abgeben kann, darf oder sollte.“

 

Anhang:

Bausteine für ein besseres Essverhalten - 6 f.eh-Postulate zum Thema Essen, Lebensstil, Verantwortung und Bildung
Weiterführenden Unterlagen
Fotos der Veranstaltung
Zur Audio-Pressemappe: www.o-ton.at (für registrierte Journalisten)

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