09.03.2016

Low Carb- und Glyx-Diäten

Mit Atkins fing alles an. In den 1970er Jahren erlebte die eiweißreiche Diät des US-amerikanischen Arztes Robert Atkins den ersten Höhenflug. Dann kamen die Low Fat-Diäten in Mode. Bis in den 1990er Jahren das Atkinsprinzip seine Wiederauferstehung feierte. Zwar war Atkins in der Zwischenzeit verstorben, doch die Neuauflage seines Bestsellers sowie Bücher von Nachahmern wie Pierre Dukan oder Arthur Agatston brachten Low Carb-Diäten wieder auf den (Speise-)Plan.

Was ist das Konzept dahinter?

Kohlenhydrate runter, Eiweiß rauf. Konkret hieß das bei Atkins, dass während der zweiwöchigen Einstiegsphase nicht mehr als 5 g Kohlenhydrate pro Tag erlaubt waren. Später modifizierte er seinen Plan, so dass nun täglich bis zu 20 g Kohlenhydrate im ersten Schritt eingebaut werden durften. Ziel ist es, den Blutzuckerspiegel niedrig zu halten, damit der Körper auf Fettverbrennung umstellt. Die Kohlenhydratreserven in der Leber (Leberglykogen) werden dabei rasch aufgebraucht und nachdem – mit Ausnahme des Gehirns und der roten Blutkörperchen – die Körperzellen auch Fettsäureabbauprodukte, sogenannte Ketonkörper, als Energiequelle nutzen können, wandelt die Leber Fettsäuren in diese um. Das geschieht grundsätzlich bei jedem Fastenprozess. Die erhöhte Ketonkörperkonzentration im Blut soll appetithemmend wirken.

Die Vorgaben für die Lebensmittelauswahl bei den meisten Low Carb-Formen zergehen Fleischliebhabern auf der Zunge: reichlich Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und Fett, dafür wenig Brot, Nudeln, Reis, Gemüse und Obst. Proteinreiche Lebensmittel sollen bei der Gewichtsreduktion den Turbo einschalten.

 

Kein Unterschied auf der Waage

Studienergebnisse schienen dieses Konzept anfänglich durchaus zu bestätigen. 2003 wurden im New England Journal of Medicine zwei wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, die das Low Carb-Regime unterstützten. Mit extrem kohlenhydratarmen Diäten erzielte man nach sechs Monaten eine größere Gewichtsreduktion als mit konventionellen Mischkostdiäten
(7 vs 3 % des Körpergewichts). Bald darauf bestätigte zwar eine Übersichtsarbeit diesen Kurzzeiteffekt, fand aber zugleich heraus, dass die Low Carb-Gruppe nach zwölf Monaten wieder verhältnismäßig mehr zugenommen hatte und am Ende eines Jahres kein Unterschied mehr in der Gewichtsreduktion zwischen Mischkost- und Low Carb-Diätlern bestand.

 2009 erhärtete eine weitere wissenschaftliche Arbeit dieses Ergebnis. Die Autoren verglichen mehrere Diätformen und kamen zum Schluss, dass es hinsichtlich Gewichtsverlust keinen Unterschied zwischen den unterschiedlichen Diäten gab. In jeder der vier Gruppen gab es allerdings mehr oder weniger Erfolgreiche. Also versuchte man die Unterschiede zwischen diesen herauszufiltern. Das wenig überraschende Ergebnis: Die Erfolgreichen zeichneten sich dadurch aus, dass sie in Summe mehr Kalorien eingespart und die Kalorienreduktion länger durchgehalten hatten.

 

Gesundheitsprobleme inklusive

Abgesehen vom langfristig ernüchternden Ergebnis stellt sich die Frage, wie gesund so eine eiweißreiche Diät ist. 2012 lieferte eine großangelegte Studie mit 40.000 Frauen die Antwort. Eiweißreiche Diäten zeigen nicht nur keinen Gewichtsvorteil gegenüber anderen Diätformen, sie sind sogar der Gesundheit abträglich. Die Studienautoren untersuchten u. a. das langfristige Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Einhalten von Low Carb-Diäten. Dabei stellte sich heraus, je geringer der Kohlenhydratanteil und je höher der Eiweißanteil in der Kost, desto höher war das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Dabei aß selbst die Gruppe mit dem geringsten Kohlenhydratverzehr noch immer mehr davon, als viele Low Carb-Autoren empfehlen.

Besonders eiweißreiche Kostformen belasten darüberhinaus die Nieren aufgrund der anfallenden Endprodukte des Eiweißstoffwechsels. Personen mit Nierenproblemen oder eingeschränkter Nierenkapazität sollten daher eiweißreiche Diäten auf jeden Fall meiden. Zusätzlich wird bei längerfristig zu hoher Proteinzufuhr die Kalziumausscheidung angeregt. Das kann über die Jahre das Osteoporoserisiko und jenes von Nierensteinen erhöhen. Der hohe Anteil tierischer Lebensmittel in Low Carb-Diäten führt außerdem zu erhöhten Harnsäurespiegeln im Blut und kann somit bei empfindlichen Personen Gichtanfälle auslösen.

 
Das Glyx-Konzept

In den 1990-er Jahren kamen so genannte „Glyx-Diäten“ auf. Deren Konzept beruht auf dem Glykämischen Index (GI). Dieser ist ein Maß für die Entwicklung des Blutzuckerspiegels nach Aufnahme von 50 g verwertbaren Kohlenhydraten im Vergleich zu einem Referenzmittel.
Je rascher der Blutzucker steigt, umso höher der GI des Lebensmittels. So hat beispielsweise ein Baguette einen GI von 95, parboiled Reis 47, Nudeln 41 oder Honig 73. Die Theorie der Glyx-Anhänger lautet, dass ein hoher Blutzuckerspiegel eine hohe Insulinausschüttung verursacht und diese wiederum den Blutzucker rasch abbaut. Unter Umständen so rasch, dass leichter Unterzucker entsteht, was die Wahrscheinlichkeit für Heißhungerattacken erhöht. Daher kommt die Empfehlung, Lebensmittel mit hohem GI zu meiden.

 

Viele Kritikpunkte

Doch in der Praxis hat das Konzept viele Schwachstellen. Zum einen werden unterschiedliche Referenzwerte herangezogen, mal Weißbrot, mal Zucker und so schwanken viele Werte von Tabelle zu Tabelle. Dann kann es auch sein, dass die Werte einmal von stoffwechselgesunden Personen und ein anderes Mal von Diabetikern stammen. Relevantester Kritikpunkt ist, dass die GI-Werte jeweils nur für einzelne Lebensmittel angeführt werden. In der Praxis setzt sich eine Mahlzeit jedoch aus verschiedenen Lebensmitteln zusammen, die sich in ihrer Wirkung auf den Blutzucker gegenseitig beeinflussen und äußerst kompliziert zu ermitteln sind. Auch die Verarbeitung der Lebensmittel beeinflusst deren GI. So wird Kartoffelbrei schnell verdaut und lässt den Blutzuckerspiegel rascher ansteigen als etwa Salzkartoffeln.

Fett verzögert die Magenentleerung und bremst somit die Glukoseaufnahme ins Blut. Das hat zur Folge, dass bei vergleichbaren Produkten das fettreichere einen niedrigeren GI hat und so paradoxerweise Pommes frites laut Glyx-Tabellen empfehlenswerter wären als die gleiche Menge an Kartoffeln. Zusätzlich stammen die Werte für viele Produkte aus dem Amerikanischen und sind oft mit mitteleuropäischen Produkten aufgrund Rezepturunterschieden schlecht vergleichbar.

 

Widersprüchliche Studienlage

Entsprechend uneinheitlich ist auch die Studienlage, was die Wirkung von Glyx-Diäten betrifft. Bereits 2004 fasst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) zusammen, dass es zwar in 15 Studien Hinweise darauf gibt, dass eine Kost mit niedrigem GI die Sättigung fördert bzw. das Hungergefühl vermindert. Allerdings wurde dies in 16 weiteren Studien nicht beobachtet. Die DGE folgert: „Bei diesen Diäten werden ernährungswissenschaftliche Tatsachen mit falschen und unbewiesenen Behauptungen vermischt.“ Auch aktuellere Studien ändern daran nichts. Eine Studie aus 2011 ergibt, dass es keinen Unterschied für das Hunger- oder Sättigungsgefühl macht, ob eine Diät mit hohem oder niedrigem GI durchgeführt wird, während eine andere Studie aus demselben Jahr zum gegenteiligen Schluss kommt. Dass die Studienlage widersprüchlich ist, bestätigt auch eine Übersichtsarbeit kanadischer Wissenschafter.

 

 

Literatur:

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Glykämischer Index und glykämische Last – ein für die Ernährungspraxis des Gesunden relevantes Konzept? Teil 1: Einflussfaktoren auf den glykämischen Index sowie Relevanz für die Prävention ernährungsbedingter Krankheiten. Ernährungs-Umschau 51(3): S. 84–91 (2004).
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Glykämischer Index und glykämische Last – ein für die Ernährungspraxis des Gesunden relevantes Konzept? Teil 2: Umsetzung des Konzeptes eines niedrigen GI bzw. GL in Ernährungsempfehlungen für die Bevölkerung. Ernährungs-Umschau 51(4): S. 128–132 (2004).
Ellrott T, Pudel V: Kohlenhydratarme Diäten (Low Carb) zur Gewichtsreduktion. Ernährungs-Umschau 52(2): S. 48–51 (2005).
Esfahani A et al.: The application of the glycemic index and glycemic load in weight loss: A review of the clinical evidence. IUBMB Life 63(1): S. 7–13 (2011).
Flint A et al.: The use of glycemic index tables to predict glycemic index of composite breakfast meals. British Journal of Nutrition 91(6): S. 979–989 (2004).
Foster GD et al.: A Randomized Trial of a Low-Carbohydrate Diet for Obesity. New England Journal of Medicine 348(21): S. 2082–2090 (2003).
Krog-Mikkelsen I et al.: A Low Glycemic Index Diet Does Not Affect Postprandial Energy metabolism but Decreases Postprandial Insulinemia and Increases Fullness Ratings in Healthy Women. The Journal of Nutrition 141: S. 1679–1684 (2011).
Lagiou P et al.: Low carbohydrate-high protein diet and incicence of cardiovascular diseases in Swedish women: prospective cohort study. British Medical Journal 2012; 344:e4026, doi:10.1136.bmj.e4026
Liu AG et al.: Reducing the glycemic index of carbohydrate content of mixed meals reduces postprandial glycemia and insulinemia over the entire day but does not affect satiety. Diabetes Care 35(8): S. 1633–1637 (2011).
Sacks FM et al.: Comparison of Weight-Loss Diets with Different Compositions of Fat, Protein, and Carbohydrates. New England Journal of Medicine 360(9): S. 859–873 (2009).
Samaha FF et al.: A Low-Carbohydrate as Compared with a Low-Fat Diet in Severe Obesity. New England Journal of Medicine 348(21): S. 2074–2081 (2003).

 

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