15.01.2014 von Nina Grötschl

Versteckte Reaktion - Glutensensitivität

Glutenunverträglichkeit löst bei vielen Menschen Übelkeit, Bauchschmerzen sowie Völlegefühl aus und das oft sehr unspezifisch. Doch nicht immer steckt eine Zöliakie oder Allergie auf Weizen dahinter. Mit der Glutensensitivität zeigt sich diesbezüglich ein neues Krankheitsbild.

Neben Zöliakie und Weizenallergie gibt es noch eine andere Form der Reaktion auf Gluten: die Glutensensitivität (GS). Wissenschafter bezeichnen sie als Reaktion auf die Aufnahme von Gluten bei Fällen, in denen Zöliakie und Weizenallergie ausgeschlossen werden kann. „Wie viele Menschen in Österreich von Glutensensitivität betroffen sind, ist aufgrund der fehlenden Daten unklar", sagt Hertha Deutsch, von der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft Zöliakie.

Sensible Reaktion         

Die komplexen Symptome einer Glutensensitivität treten oft Stunden nach dem Verzehr von glutenhältigen Nahrungsmitteln auf. In manchen Fällen kann das auch Tage dauern. Die Reaktionen auf Gluten äußern sich körperlich, psychisch und neurologisch:

  • Verdauungsbeschwerden, Blähungen, Durchfall, Verstopfung
  • Übelkeit
  • Knochen- und Gelenksschmerzen
  • eingerissene Mundwinkel
  • Migräne, Kopfschmerzen
  • Menstruationsstörungen
  • Muskelschwäche und -abbau
  • Hautekzeme
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Unerklärliche Gewichtsschwankungen
  • Depressive Verstimmungen
  • Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen

Zöliakie und Glutensensitivität ähneln sich in ihrer Symptomatik, jedoch werden bei der Glutensensitivität die Dünndarmzotten nicht beschädigt. "Die Glutensensitivität scheint zwar häufiger aufzutreten, hinterlässt aber, soweit wir momentan wissen, keine Folgeschäden. Es handelt sich um eine Befindlichkeitsstörung mit Symptomen, die nach ein paar Tagen unter einer glutenfreien Ernährung wieder verschwinden," erklärt Prof. Wolfgang Holtmeier von der Klinik für Gastroenterologie am Krankenhaus Porz in Köln.

Unverstanden

Während Zöliakie und Weizenallergie gut erforscht sind, blieb eine Glutensensitivität bei vielen Betroffenen in der Vergangenheit oft unentdeckt. Denn die sensible Reaktion auf Gluten wurde bislang für Zöliakie gehalten. Jetzt weiß man, dass es sich bei Glutensensitivität um eine weitere, eigenständige Form der Glutenunverträglichkeit handelt.

„Heute gibt es gute und auch reproduzierbare Belege dafür, dass es eine Glutensensitivität gibt, aber es fehlen die richtigen Marker", erklärt Prof. Holtmeier vom Krankenhaus Porz am Rhein. Wie das Krankheitsbild bestimmte Menschen beeinträchtigt und welche physiologischen Mechanismen dahinter stecken, muss erst noch erforscht werden.

Diagnostisches Modell               

Bislang ist es lediglich durch Ausschlussdiagnosen möglich, Glutensensitivität zu erkennen und in Folge zu behandeln. Im Rahmen der ersten Konsensuskonferenz zu Glutensensitivität 2011 in London wurde ein mehrstufiges Diagnostikmodell erarbeitet, mit dem eine Glutensensitivität erkannt werden soll. Im Dezember 2012 fand abermals ein Expertentreffen zum Thema statt. Ein internationales Forscherteam diskutierte u. a., wie Glutensensitivität definiert werden sollte, wie man die Diagnose verbessern kann und inwiefern sich eine Ernährungsumstellung als Therapie eignet. Zudem wurde das Diagnosemodell durch aktuelle klinische Erkenntnisse ergänzt.

„Über Glutensensitivität ist bis dato wenig bekannt. Jedoch vertritt die Wissenschaft weltweit einen Konsens in Bezug auf die Diagnose: Bevor man von Glutensensitivität sprechen kann, muss zuerst eine Zöliakie vom Facharzt ausgeschlossen werden", berichtet Hertha Deutsch. Ehe ein Patient als glutensensitiv bezeichnet werden kann, müssen folgende Schlüsselkriterien zutreffen:

  • Ausschluss einer Weizenallergie,
  • Ausschluss einer Zöliakie und der damit verbundenen Zerstörung der Dünndarmzotten,
  • Linderung der Symptome bei glutenfreier Kost.

Linderung durch glutenfreie Ernährung             

Handelt es sich tatsächlich um Glutensensitivität, muss die Ernährung umgestellt werden. Vorrangig geht es darum, auf glutenlastige Lebensmittel zu verzichten.

Welche Lebensmittel sind erlaubt und welche Produkte müssen vom Speiseplan gestrichen werden? Grundsätzlich sollte auf folgende Getreide verzichtet werden: Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Weizen, Grünkern, Emmer und Kamut. Verarbeitet kommen diese Getreidesorten auch in Backwaren (z. B. Brot, Baguettes, Kuchen etc.), Keksen, Müsli, Knabbergebäck, Bier, Paniermehl und Teigwaren vor. Hingegen braucht man sich bei folgenden Produkten und Zutaten keine Sorgen machen:

  • Reis, Mais, Buchweizen, Hirse,
  • Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Maroni,
  • Amaranth, Quinoa,
  • Nüsse,
  • Fleisch, Geflügel, Eier,
  • Milch und Milchprodukte wie Rahm, Joghurt oder Käse,
  • Zucker, Honig, Marmelade,
  • Tee, Kakaopulver

Ein Verzicht auf glutenhältige Nahrungsmittel führt bei Betroffenen in kurzer Zeit zu einem Rückgang und zur Linderung der spezifischen Symptome.

Fazit

Glutenunverträglichkeit zählt zu den häufigsten lebensmittelbedingten Krankheitsformen. Neben Zöliakie und Weizenallergie gibt es noch eine dritte Form der Reaktion auf Gluten: die Glutensensitivität (GS). Sie löst weder allergische noch autoimmune Mechanismen im Körper aus, führt aber zu einer Reihe von unangenehmen Symptomen (z. B. Migräne, Bauchschmerzen, Durchfall). Die Diagnose der Glutensensitivität ist bislang lediglich über den Auschluss von Zöliakie und Weizenallergie möglich. Dass es eine GS gibt, darüber sind sich die Wissenschafter einig. Die Erforschung der Glutensensitivität steckt aber noch in Kinderschuhen.

Literatur

International Expert Meeting on Gluten sensitivity: Glutensensitivität ist Fakt. Presseinformation des Dr. Schär Instituts, 19.12.2012

Sapone et al.: Spectrum of gluten-related disorders: consensus on new nomenclature and classification. BMC Medicine 10 (2012).

Fasano A, Catassi C, Sapone A, Schuhmann M: Glutensensitivität. Dr. Schär Institut, 2012.

 

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