3. feh-Dialog: Ernährungsstudien: Kritik zwischen den Zeilen

f.eh im Dialog Ernährungsstudien: Kritik zwischen den Zeilen

Rückblick

Tagungsrückblick

Am 11. Juni lud das forum. ernährung heute zur dritten „f.eh-Dialog“-Veranstaltung. Ziel dieses Formates ist ein themenfokussiertes, objektives und faktenbasiertes Update zu Ernährungs- und Lebensmittelfragen. Im Blickpunkt diesmal: Ernährungsstudien. Zur Diskussion geladen waren 60 renommierte Vertreter aus Wirtschaft, Politik und der ernährungswissenschaftlichen Fachcommunity.

„Das forum. ernährung heute hat sich zum Ziel gesetzt, einen kritischen Diskurs rund um Ernährungsthemen anzuregen“, erklärt Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des Vereins. „Damit wollen wir die Bewusstseinsbildung innerhalb der Fachkreise, aber auch in den Medien fördern und unterstützen“. Ein heißes Thema ist die Qualität von Ernährungsstudien sowie der daraus abgeleiteten Ernährungsempfehlungen.

Zu diesem Zwecke kamen für einen Nachmittag Fachreferenten aus den Bereichen Statistik, Ernährungskultur und -soziologie sowie Epidemiologie und Evidenzbasierte Medizin in den 15. Stock des Wiener Mediatower zusammen.

„Letztendlich geht es bei einer faktenorientierten, sachlichen Ernährungskommunikation um zwei wesentliche Stufen“, so Peter Reinecke, Präsident des f.eh, in seiner Einleitung. „Erstens um den Inhalt, also die Fakten, deren Analyse und das Verstehen der selbigen. Und zweitens um den Transfer der Forschungsergebnisse in das Alltagswissen.“ Basis für das Formulieren von Ernährungsbotschaften und Empfehlungen muss immer eine valide Forschung und das richtige Einordnen der Ergebnisse sein. In der Praxis gibt es jedoch eine Reihe von Stolpersteinen, so werden nicht selten Korrelation mit Kausalität gleichgesetzt oder Risiken missverständlich kommuniziert.

Korrelation versus Kausalität

Länder mit hohem Schokoladekonsum haben mehr Nobelpreisträger! Diese Korrelation kann tatsächlich durch Daten dargestellt werden. Allerdings bedeutet ein Zusammenhang noch kein Ursache-Wirkungs-Verhältnis. So wurde im genannten Beispiel etwa der durchschnittliche Schokoladeverzehr je Land herangezogen und nicht der tatsächliche Schokoladekonsum der Nobelpreisträger. Zudem bezog sich der Konsum auf die letzten beiden Jahre, während die Nobelpreisträger auf ein gesamtes Jahrhundert verteilt waren. Nachdem sich der Schokoladekonsum innerhalb der Jahrzehnte deutlich verändert hat, kann aus dem aktuellen Verzehr kein Schluss auf vergangene Perioden abgeleitet werden. Korrelation beinhaltet also nie automatisch Kausalität. „Häufig überlagern sich ganz einfach Trends“, erklärt Matthias Templ vom Institut für Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie der TU Wien.

Relativ oder absolut?

Prozentangaben in Bezug auf eine Risikoänderung durch Ernährungsmaßnahmen sind ebenfalls häufig Stolpersteine in der Interpretation von Studienergebnissen. Ändert sich beispielsweise die Sterblichkeit von 2,5 % auf 2,0 %, so bedeutet das eine Verringerung des relativen Risikos um 20 %. Ausgedrückt als absolutes Risiko dagegen, ist es eine Verringerung um 0,5 Prozentpunkte. Ersteres bezieht sich nur auf die Todesfälle, Zweiteres auf alle Untersuchten bzw. die Risikoänderung in der Gesamtbevölkerung. Wird das relative Risiko angegeben, neigen Leser häufig dazu, den Effekt einer Maßnahme zu überschätzen.

Finanzierungs-Bias?

Studien rund um Ernährung stehen häufig in der Kritik, von der Wirtschaft finanziert und damit in ihrem Sinne beeinflusst zu werden. Sie werden kritischer betrachtet. „Grundsätzlich wird jede Studie bezahlt“, stellt Templ klar, „von irgendwoher müssen ja die finanziellen Mittel kommen“. Wichtig ist jedoch, die Herkunft der Drittmittel transparent und klar darzustellen. Dies ist nachgewiesenermaßen ein Qualitätsmerkmal wissenschaftlicher Arbeiten.

Datenflut verlangt systematisches Vorgehen

„Man erhält den Eindruck, dass die Ernährungswissenschaft in den Medien als unseriöse Wissenschaft abgekanzelt wird“, beklagt Isolde Sommer vom Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems. Leser sind verwirrt und fragen sich, weshalb sich Ernährungsempfehlungen ständig ändern. „Berechtigterweise stellen sich viele Konsumenten die Frage, was sie noch glauben können,“ zeigt Sommer Verständnis. Wir haben es im Ernährungsbereich mittlerweile mit einer gewaltigen Datenflut zu tun. Dieser Daten Herr zu werden ist keine leichte Aufgabe. Eines der derzeit besten Instrumente ist die Systematische Übersichtsarbeit – das Scientific Review. Gemeinsam mit Meta-Analysen und randomisierten klinischen Studien (RCT – randomized clinical trials) entsprechen diese zur Zeit der besten Evidenz in der Ernährungsforschung.

Qualifizierte Experten werden immer wichtiger

Dennoch bleiben immer noch genügend Unsicherheiten. Wie geht man damit um, wenn es gilt, aus der Datenlage konkrete Empfehlungen für die Bevölkerung zu formulieren? Ist man streng und lässt lediglich randomisierte klinische Studien – wie in der Medizin – zu, um zu einer Empfehlung zu gelangen? Aber was, wenn keine vorliegen? Kann man es sich leisten, keine Empfehlungen auszusprechen? „Hier geht es darum, Nutzen und Schaden abzuwiegen“, erklärt Ursula Griebler von der Österreichischen Cochrane Zweigstelle an der Donau-Universität Krems. Daher wird auch oft bei schwacher Beweislage eine Ernährungsempfehlung aus vorhandenen Daten formuliert. Diese kommt leider meist als Ergebnis von Expertendiskussionen zustande, in die manchmal eben auch die Interessen der Teilnehmer, wirtschaftliche und politische Überlegungen einfließen. „Man muss sich darüber klar sein, dass es keine wirklich unabhängigen Experten gibt, weil Wissen immer deutlich positions- und perspektivenabhängig ist“, mahnt Daniel Kofahl vom Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur – APEK. „Gleichzeitig werden aber qualifizierte Experten immer wichtiger, um die vorhandene Komplexität alltagskompatibel zu reduzieren“, so Kofahl.

So kommt es zu den eingangs erwähnten Empfehlungen, die dann einige Jahre später, wenn die Daten- und damit die Beweislage klarer sind, plötzlich ge- oder verändert werden. Oder dazu, dass sich Ernährungsempfehlungen je nach Land unterscheiden. Nahrungscholesterin ist so ein Beispiel. Noch vor zehn Jahren war das Frühstücksei ein Feindbild, heute ist der Eierkonsum mehr oder weniger freigegeben, weil die Evidenz für ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko durch Nahrungscholesterin nachgewiesenermaßen unzureichend und damit eine Empfehlung kaum mehr gerechtfertigt ist.

Dazu kommt, dass es je nach Land auch unterschiedliche Herangehensweisen bei der Beurteilung der Datenlage gibt. Absolute Vorreiter diesbezüglich sind Deutschland und die USA. Hier läuft der Prozess bei der Entwicklung von  Ernährungsempfehlungen sehr transparent, systematisch und gut dokumentiert ab.

Aviso: Kommunikation im Visier

Fortgesetzt wird das Thema im Rahmen des sechsten f.eh-Symposiums am 24. September in der Wiener Albert Hall. Dabei wird es über die Kommunikation der Fakten, deren Bedeutung und über die Wirkungen der Kommunikation gehen.
Wer mischt am Meinungsmarkt der Lebensmittel- und Ernährungskommunikation mit? Welche Rolle spielen die Medien? Lässt sich dem Alarmismus begegnen? Wie kann die Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Medien gelingen und eine sachgerechte Gesundheits- und Ernährungskommunikation funktionieren? Gibt es Auswege aus dem Informationsdilemma? Essen ist emotional. Gerade deswegen bedarf es einer Allianz der Vernunft!

Unterlagen

Essen in den Schlagzeilen: Sound Science vs. Sounds Like Science

Priv.-Doz. Dr.techn. Dipl.-Ing. Matthias Templ
Institut für Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie, TU Wien

Präsentation

Sozio-kulturelle Aspekte der Ernährung: die qualitative Analyse im Fokus

Dr. Daniel Kofahl, Dipl.-Soz.
APEK – Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur, Witzenhausen
Präsentation


Evidenz in der Ernährungsforschung: Was ist möglich?

Mag. Isolde Sommer, PhD, MPH
Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie, Donau-Universität Krems
Präsentation


Von Studien zur Empfehlung – und zurück?

Mag. Ursula Griebler, PhD, MPH
Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie, Donau-Universität Krems
Präsentation

Programm

Programm als pdf

ab 13.30 Uhr

Registrierung

14.00 Uhr

Eröffnung und Begrüßung

Peter Reinecke, Präsident des f.eh

14.05-14.40 Uhr

Essen in den Schlagzeilen: Sound Science vs. Sounds Like Science

Matthias Templ, Institut für Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie, TU Wien

14.40-15.15 Uhr

Sozio-kulturelle Aspekte der Ernährung: die qualitative Analyse im Fokus

Daniel Kofahl, APEK – Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur, Witzenhausen

15.15-15.30 Uhr

Diskussion

15.30-16.00 Uhr

Kaffeepause

­16.00-16.45 Uhr

Evidenz in der Ernährungsforschung: Was ist möglich?

Isolde Sommer, Donau-Universität Krems

16.45-17.15 Uhr

Von Studien zur Empfehlung – und zurück?

Ursula Griebler, Donau-Universität Krems

17.15-17.30 Uhr

Diskussion und Abschlussstatement

Ab 17.30 Uhr

Buffet & Get together

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