25.02.2020 von Carmen Bopp und Marlies Gruber

Große Zukunft in kleinen Händen

Zu Mittag haben viele Kinder nur einen Gedanken: Essen! Blitzschnell wird in die Küche gesaust und kurz darauf verschwindet auch schon der erste Happs im Mund. Aber wie stehen Kinder zum Thema Fleisch im Rahmen einer nachhaltigen Ernährung? Eine aktuelle Studie gibt einen Einblick.

Um Treibhausgase beim Essen einzusparen, können Konsumenten an zwei wirksamen Schrauben drehen: erstens, aufpassen, dass keine Lebensmittel im Müll landen, und zweitens ein bewusster Umgang mit Fleisch. Gerade bei Kindern besteht großes Potenzial, diesen zu erlernen. Einerseits festigt sich das Essverhalten erst, andererseits essen 30 % fast täglich Fleisch. 38 % greifen drei- bis vier Mal pro Woche zu, weitere 23 % etwa ein- bis zweimal. 2 % haben seltener Fleisch am Teller und 7 % verzichten gänzlich darauf.  Das besagt eine Studie der Bioforschung Austria aus 2019 unter 6- bis 18-Jährigen. Das bedeutet, dass zwei Drittel der Kinder mehr Fleisch essen als die empfohlenen zwei bis drei Portionen pro Woche. Zu beobachten war zudem je nach Konsumhäufigkeit eine unterschiedliche Einstellung zur Tierzucht. Während jene, die kein oder wenig Fleisch essen, die Nutztierhaltung kritisch bewerteten, kam diese bei denjenigen mit einem nahezu täglichen Konsum positiv weg. Ähnliches wurde übrigens bei Erwachsenen im Veggie-Report 2017 festgestellt.

Ein Herz für Tiere

Was konkret ein nachhaltiger Umgang mit Fleisch für Schulkinder bedeutet, wurde in einer qualitativen Studie mit 27 Kindern im Alter von elf bis zwölf Jahren in der Schweiz erforscht. In zehn Unterrichtseinheiten wurde nachhaltiges Essen am Thema Fleisch beleuchtet. Ziel der Untersuchung war es, Entscheidungsprozesse von Kindern offenzulegen und zu erheben, wie Wissen und Werte diese beeinflussen. Dazu waren die Kinder eingeladen, laut nachzudenken, welche Empfehlungen sie einem fiktiven Küchenteam bei einem Kinderlager geben würden. Jedem dritten Kind war Tierwohl für die gemeinsame Verpflegung wichtig und es wünschte sich, dass es den Tieren gut geht und diese in einer artgerechten Haltung leben. Um das zu unterstützen, würden sie Bio-Fleisch empfehlen. Eine klare Kennzeichnung für eine tiergerechte Haltung kam ebenfalls zur Sprache. Dass damit ein höherer Preis verbunden ist, war ihnen teilweise bewusst.

Bio – weil’s den Tieren besser geht

Welche Relevanz Bio im jungen Erwachsenenalter hat, zeigten auch die Ergebnisse der Bio-Jugendstudie aus 2017 mit 1000 Teilnehmern. Unter ihnen gaben drei Viertel an, Bio (sehr) zu schätzen. Vergleicht man diesen hohen Zuspruch mit den tatsächlichen Verkaufszahlen im Supermarkt, so spiegelt sich wohl auch hier die soziale Erwünschtheit bei Fragebogenerhebungen wider. Die wichtigsten Gründe für den Bio-Konsum lauteten artgerechte Tierhaltung und Tierschutz sowie Qualität (je 95 %), zudem der Verzicht auf Kunstdünger und Spritzmittel (91 %). Bio-Tierhaltung punktete in erster Linie wegen des Auslaufs ins Freie sowie der Weidehaltung im Sommer für Rinder, Schafe und Ziegen (96 %) und einer schonenden Schlachtung (93 %). 

WISSENSWERT

Eine Kurzzusammenfassung des f.eh-Mediendialogs zum Thema Tierwohl ist hier zu lesen.

Wissen macht mutig

Je mehr Kinder wissen, desto selbstsicherer sind sie, gute Entscheidungen zu treffen. Das zeigte sich in der eingangs erwähnten Schweizer Untersuchung, in der Kinder beim Thema „Gesundheit“ bereits recht gut aufgestellt waren. So erklärten die Schüler, dass die Verzehrmenge entscheidend dafür ist, ob Fleisch „gesund“ ist. Einen hohen Konsum von rotem Fleisch assoziierten sie mit Krebs. Als Vorteile von Fleisch nannten Sie die Gehalte an Eiweiß, Vitaminen und Zink. Weiters verbanden sie mit Fleisch Eisen und eine höhere Leistungsfähigkeit. Dagegen war das Wissen bei Fleisch punkto Nachhaltigkeit, Esskultur und Wirtschaft noch nicht stark ausgeprägt. Das Thema ist schließlich auch für Erwachsene in all seinen Dimensionen komplex.

Geschmack vor Tierwohl

Orientierung für bestimmte – nachhaltige – Entscheidungen erhalten Kinder vor allem durch einen soliden Wissensgrundstock sowie durch das Entwickeln entsprechender Werte. Bei den Werten nannten in der Schweizer Untersuchung alle Kinder Genuss und Geschmack als entscheidend für den Fleischkonsum. Auch Tradition wurde häufig erwähnt, vor allem wenn es um die Herkunft des Fleisches ging. Im Entscheidungsprozess war es den Kindern zudem wichtig, dass alle Schüler das kulinarische Fleisch-Angebot nützen können und keine Mitschüler z. B. aus religiösen Gründen ausgeschlossen werden. Dezidiert nannten sie etwa das Absehen von Schweinefleisch, wenn Muslime in der Gruppe vertreten sind. Wenn sie den Fleischkonsum auf die Umwelt beziehen sollten, kam den Kindern ausschließlich eine artgerechte Tierhaltung in den Sinn. Während Kindern bei Fleisch neben Geschmack, Tradition und kulturellen Aspekten auch Tierethik sehr wichtig ist, spielt diese bei anderen Lebensmitteln oftmals weniger eine Rolle. Bei Milch und Milchprodukten scheint der Bezug zum Tier generell geringer zu sein.

Über Lebensmittel lernen hilft

Wenn das Essen schmeckt und notwendige Kenntnisse vorliegen, sind Kinder offen für einen nachhaltigen Umgang mit Fleisch. Verständlich aufbereitetes Wissen hilft Kindern, sich schneller als Experten zu erleben. Dadurch sind sie eher bereit, das Wissen in Entscheidungen einzubeziehen. Auf dem Weg dorthin empfehlen die Schweizer Forscher für den Unterricht Diskussionen sowie Rollen- und Planspiele. Damit lassen sich Wissenselemente anschaulich mit Werten verbinden und Fragestellungen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Zudem helfen alltagsnahe Fragen: „Was bedeutet Regionalität für uns?“, „Wie viel Bio-Lebensmittel kauft die eigene Familie?“ oder „Wie leben unsere Nutztiere überhaupt?“

Mehr zu Ernährungsbildung lesen Sie in der eh 4/2017.

Literatur

Hissek K, Lehner D, Roth K, Messenböck K: NEKI 2 – Nachhaltige Ernährung von Kindern, Projektbericht der Bio Forschung Austria, Wien (2019): 18-23.
Hertrampf A, Bender U: What do prospective teachers know about sustainable nutrition.Ernahrungs Umschau, 63(10), 206-212 (2016).
Marketagent.com (Hrsg.): Veggie Report – Vegetarische und vegane Ernährung in Österreich. www.marketagent.com/webfiles/MarketagentCustomer/pdf/015b2445-19d8-4d70-a812-97ab5d6755d8.pdf (Zuletzt abgerufen am 02.03.2020).
Steinwidder A et al.: Bio-Jugendstudie „Bio-Land- und Lebensmittelwirtschaft in Österreich - Einstellungen, Wünsche, Erwartungen und Wissen Jugendlicher und junger Erwachsener“. Abschlussbericht, Bio-Institut der HBLFA Raumberg-Gumpenstein: 11-19 ( 2018).
Stoll-HertrampfA et al: Decision-making processes of children in the context of sustainable diets. Part 1: The role of knowledge in decision-making process. ErnahrungsUmschau 66 (8): 136-144 (2019).
Stoll-HertrampfA et al.: Decision-making processes of children in the context of sustainable diets. Part 2: The role of values in decision-making processes. ErnahrungsUmschau66(9): 160-168 (2019).

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