30.03.2021 von Elisabeth Sperr, MSc

Speisevorschriften in den Religionen

Unterschiedliche Menschen – unterschiedliche Religionen – unterschiedliche Ernährungsweisen. Durch die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft werden religiöse Speisevorschriften in vielen Bereichen immer wichtiger: Von der Gemeinschaftsverpflegung in Schulen und Kantinen bis hin zur Ernährungsberatung. Daher ist es sinnvoll, sich mit den wichtigsten Essregeln auseinanderzusetzen. Wir haben fünf große Weltreligionen unter die Lupe genommen und zusammengefasst, was bei wem auf den Tisch kommt.

Der Begriff „Kultur“ umfasst all das, was das Zusammenleben einer Gesellschaft ausmacht. Dazu gehören unter anderem Bildung, Erziehung, Werte und Moralvorstellungen sowie daraus resultierende Regeln und Traditionen. Auch die Religion formt die Lebenswelten. Aber so unterschiedlich die Kultur oder Religion auch ist: Essen verbindet alle Menschen und weltweit werden weltliche wie geistliche Feste mit großen Festessen begangen. Speisegesetze verbinden dabei das Göttliche mit dem Profanen und schaffen eine Gruppenidentität, die den Zusammenhalt weiter stärkt.

Wissenswert

Die letzten amtlichen Zahlen zur Religionszugehörigkeit in Österreich stammen aus der Volkszählung im Jahr 2001. In den nachfolgenden Erhebungen ist dieses Merkmal nicht mehr enthalten. Einen Überblick geben daher nur die Angaben der einzelnen Religionsgemeinschaften. Laut Zahlen der Statista GmbH und Eurostat waren 2019 mit 68 % der Großteil der Menschen in Österreich dem Christentum zugehörig (rund 56 % röm.-katholisch, 9 % orthodox, 3 % evangelisch). Muslime machten knapp 8 % der Bevölkerung aus und Juden rund 0,09 %.

Judentum

Die jüdischen Speisegesetze, hebräisch Kaschrut, regeln alles, was mit Essen und Trinken zu tun hat. Sie beginnen bei der Schlachtung der Tiere und reichen über die Zubereitung und Aufbewahrung der Speisen bis hin zur Verwendung des Geschirrs. Der Kern dieses Regelsystems ist in der Tora, den fünf Büchern Moses, niedergeschrieben.

Die wichtigsten Punkte umfassen:

  • die Unterscheidung von erlaubten und nicht erlaubten Tieren,
  • das Verbot des Blutgenusses,
  • die Trennung in fleischige, milchige und neutrale Lebensmittel.


Koscher
, somit "rein" und für den Verzehr geeignet, sind nur das Fleisch und die Produkte von wiederkäuenden Paarhufern mit gespaltenen Klauen. Erlaubt sind somit Rind, Schaf und Ziege. Darüber hinaus auch alle Wassertiere, mit Flossen und Schuppen sowie Geflügel, solange es sich nicht um Raubvögel handelt. Trefe, somit „unrein“ sind wiederum jene Tiere, die diese Bedingungen nicht erfüllen. Für den Verzehr verboten ist bekanntermaßen das Schwein, das zwar gespaltene Hufe hat, aber nicht wiederkäut. Kamele, Raubfische, Meeresfrüchte und Schalentiere sind ebenfalls nicht koscher.

Ein weiterer Eckstein der Kaschrut ist das Verbot des Verzehrs von Blut, da dieses als Sitz der Seele gilt. Daher müssen die Tiere ausbluten, bevor sie verzehrt werden. Bei dieser speziellen Schlachtmethode, dem Schächten, wird das Tier mit einem gezielten Schnitt durch die Luft- und Speiseröhre getötet. In Österreich und Deutschland ist das nur unter bestimmten Auflagen erlaubt. So dürfen die rituellen Schlachtungen unter anderem nur in behördlich dafür zugelassenen Schlachtbetrieben und unter Aufsicht eines Tierarztes erfolgen.

In den Speisevorschriften ist auch die Trennung von fleischigen (hebr. basari), milchigen (chalawi) und neutralen (parve) Lebensmitteln ausführlich erläutert. Fleisch darf nicht gemeinsam mit Milchprodukten zubereitet, verzehrt oder gelagert werden. Dies fußt auf der Stelle "Koch nicht ein Böcklein in der Milch seiner Mutter" im zweiten Buch Moses (Ex. 23:19). Interpretieren lässt sich das unter anderem als das Tabu der symbolischen Vermischung des Lebens (Milch) mit der Sterblichkeit (Fleisch). Nach einer Fleischspeise wird je nach Tradition bis zu sechs Stunden abgewartet, bevor man etwas Milchiges zu sich nimmt und umgekehrt bis zu einer Stunde. Die Trennung von Milch- und Fleischprodukten wirkt sich auch auf die Verwendung von Geschirr und Töpfen aus. Diese werden bei traditionellen Juden ebenfalls getrennt voneinander verwendet und sind somit doppelt vorhanden. Viele Juden praktizieren die Trennung jedoch nicht in diesem Ausmaß. Auch lassen sich einige Milchspeisen mit pflanzlichen Alternativen herstellen, womit diese Vorschrift umgangen werden kann. Eier, Fische, Getreide, Gemüse oder Früchte gelten als neutral und können mit allem verzehrt werden.

Christentum

Da das Christentum aus dem Judentum entstand, waren die ersten Christen ursprünglich getaufte Juden, die sich großteils auch den jüdischen Speisegesetzen verpflichtet fühlten. Mit der Ausbreitung der Religion gingen diese über die Zeit jedoch verloren. Weitere Vorschriften wurden seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gelockert und in die Verantwortung jedes Einzelnen übergeben. Im heutigen Christentum spielen Ernährungsgebote im Alltag kaum eine Rolle. Ausdrücklich verbotene Lebensmittel gibt es nicht, lediglich Abstinenz- und Fastentagen. Bekannt ist beispielsweise das sogenannte Freitagsopfer gläubiger Katholiken. Es bezeichnet den Verzicht auf Fleisch an Freitagen, da Jesus nach christlicher Überlieferung an einem Freitag gestorben ist. Fisch ist an diesen Tagen erlaubt.

Wissenswert

Im Christentum gehört der Fisch zu den ältesten Symbolen, denn er galt bereits als das geheime Erkennungszeichen der ersten Christen. Auch heutzutage ist der Fisch aus zwei geschwungenen Linien häufig auf Heckklappen von Autos zu sehen und gibt somit Aufschluss über den Besitzer des Wagens.

Die rund 40-tägige Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern soll an das Fasten Jesu in der Wüste erinnern. Klare Regeln gibt es dafür weder bei katholischen, evangelischen noch orthodoxen Christen. Diese Zeit kann beispielsweise zum Anlass genommen werden, auf Speisen oder Gewohnheiten zu verzichten, die sonst den Alltag versüßen (z. B. Süßigkeiten, Alkohol, Nikotin, Social Media, Fernsehen). Der temporäre Verzicht soll einen bewussteren Konsum bewirken, wird jedoch heutzutage immer seltener praktiziert. In der orthodoxen Kirche nimmt das Fasten einen höheren Stellenwert ein als in den anderen christlichen Konfessionen. Hier gibt es neben der österlichen Fastenzeit noch drei weitere. Diese finde um Pfingsten (49 Tage nach Ostersonntag), Mariä Himmelfahrt (15. August) und Weihnachten statt.

Islam

Ähnlich wie im Judentum gibt es im Islam die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Lebensmitteln. In beiden Religionen ist die kultische Reinheit eine Voraussetzung für die Begegnung mit Gott. Das bedeutet ein Muslim, der unreine Lebensmittel zu sich nimmt, wird selbst unrein und darf weder beten, noch eine Moschee betreten. Die erlaubten Produkte werden auf Arabisch als halal, die nicht erlaubten als haram bezeichnet und sind ähnlich zugeteilt wie in den jüdischen Speisevorschriften. Grundsätzlich gelten alle Lebensmittel, die in Koran und Sunna nicht ausdrücklich verboten sind, als halal. Dazu zählen alle Sorten von Obst und Gemüse sowie Fische und Meerestiere. Weiters sind Geflügeltiere wie Enten, Hühner, Gänse Puten, Rinder, Schafe und Ziegen erlaubt. Der Konsum von Schweinefleisch ist im Islam ausdrücklich verboten. Ebenso der Verzehr von Blut, weshalb gläubige Muslime ausschließlich das Fleisch geschächteter Tiere essen.

Wissenswert

In Österreich muss Fleisch geschächteter Tiere nicht gekennzeichnet werden. Kennzeichnungen, wie etwa Halal-Siegel, sind freiwillig und werden nach unterschiedlichen internationalen Standards von verschiedenen Organisationen vergeben. Dasselbe gilt für koschere Produkte.

Trotz der Gemeinsamkeiten gibt es zwischen muslimischen und jüdischen Speisegesetzen auch einige Unterschiede. So entfällt im Islam etwa das Verbot der Vermischung von "Fleischigem" und "Milchigem“ und der Verzehr von Kamelfleisch ist explizit erlaubt und positiv konnotiert. Nicht erlaubt sind wiederum Getränke, die berauschen und dadurch vom Gedanken an Allah abhalten. Die strikte Ablehnung von Alkohol ist auch eine deutliche Abgrenzung von Juden- und Christentum, wo der Wein eine besondere rituelle Bedeutung hat. Weiters empfiehlt der Koran verschwenderisches und übermäßiges Essen zu vermeiden, um für ein Gleichgewicht zwischen Körper und Seele zu sorgen.

Buddhismus

Aus buddhistischer Sicht sind Essen und Trinken nicht nur lebensnotwendig, sondern auch für die spirituelle Entwicklung unverzichtbar. Dabei wird bei den Gläubigen zwischen Ordensmitgliedern und „Laien“ unterschieden. Von den fünf grundlegenden Übungsregeln für Laien (Silas), die der Entwicklung von Sittlichkeit dienen sollen, ist keine dem Essen gewidmet (man soll nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, sich nicht berauschen und kein sexuelles Fehlverhalten begehen). Die Speisevorschriften betreffen daher hauptsächlich Mönche und Nonnen. Der Verzicht auf Alkohol gilt jedoch für alle. Buddhisten ernähren sich im Allgemeinen hauptsächlich vegetarisch oder vegan, da das Töten und Leiden von Tieren dem Gebot der Gewaltlosigkeit wiederspricht und zu einem schlechten Karma führen soll. Allerdings gibt es kein generelles Verbot, Fleisch zu essen. Lediglich im Mahayana-Buddhismus ist es den Ordensmitglieder untersagt. Askese im Sinne eines strengen Fastens ist im Buddhismus nicht empfohlen, da es den Körper schwächt und eine solche „Tortur“ der Erleuchtung nicht zuträglich sei. Der gläubige Mensch soll Extreme wie Zügellosigkeit vermeiden und stets eine Haltung der Mitte einnehmen.

Hinduismus

Auch die hinduistischen Speisevorschriften zeigen eine große Vielfalt und unterscheiden sich je nach Zugehörigkeit zu den jeweiligen Kasten (abgegrenzte Gesellschaftsschichten). Durch Geburt in eine bestimmte Kaste übernimmt ein gläubiger Hindu auch die gruppenspezifischen Speisevorschriften. Ähnlich wie im Buddhismus gilt auch in dieser Religion Nahrung (anna) als heilig und als kosmische Essenz (annabrahman). Eine weitere Übereinstimmung findet sich in dem Gebot der Gewaltlosigkeit oder des Nicht-Verletzens (ahimsa). Dieses wurde aus dem Buddhismus in den Hinduismus übernommen, wodurch sich viele Hindus vegetarisch oder vegan ernähren. Zudem wird die Kuh als heiligste aller Tiergottheiten angesehen, die den Sitz aller Götter in sich trägt. Der Verzehr von Rindfleisch ist daher generell verboten. Die Askese spielt im Hinduismus eine besondere Rolle. Sie gilt als uralte Technik zur spirituellen Reinigung, wobei der Nahrungsverzicht der Beherrschung der Sinne und schlussendlich der Loslösung von körperlichen Schranken und dem Weltlichen dienen soll. Die meisten Hindus fasten demnach mehrmals jährlich etwa zur Vorbereitung auf religiöse Rituale oder an bestimmten Feiertagen.

Individuell und aktuell

Die jeweiligen Speisevorschriften gehören zur Auslebung einer jeden Religion dazu, formen maßgeblich den Kulturkreis und somit auch die Gesellschaft, die sich im steten Wandel befindet. Wie stark religiöse Speisegebote im Alltag praktiziert werden, unterscheidet sich jedoch auch unter den Gläubigen einer Religion. Nicht alle Juden trennen Milch- und Fleischspeisen, nicht alle Christen essen freitags Fisch und nicht alle Muslime verzichten auf Alkohol. Wie man seinen Glauben lebt, ist hochgradig individuell und von verschiedenen Zugängen geprägt. In einer vielfältigen Gesellschaft gilt es dennoch Verständnis füreinander aufzubringen. Der interkulturelle Austausch beim gemeinsamen Essen kann sowohl eine kulinarische Bereicherung sein als auch das gesellschaftliche Miteinander stärken. Das ist auch wichtig, wenn Menschen vermehrt konfessionslos leben und mit dem Thema im eigenen Leben mitunter wenige Berührungspunkte haben. Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich auf jeden Fall.

Literatur

Bayern2: Essen in den Religionen. www.br.de (Zugriff: 18.03.2021).
Islamportal Österreich: Speisevorschriften im Islam. www.islamportal.at (Zugriff: 18.03.2021).
Klöckler M, Tworuschka U (Hrsg.): Essen, Trinken, Hungern, Fasten in Ethik der Weltreligionen – ein Handbuch: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (2005).
Landeszentrum für Ernährung: Ernährung – auch eine Frage des Glaubens. www.landeszentrum-bw.de (Zugriff: 18.03.2021).
Österreichischer Rundfunk: Schächten: Religiös bedeutend, rechtlich erlaubt. religion.orf.at (Zugriff: 18.03.2021).
Pressemitteilung der Eurostat: EU-Bevölkerung zum 1. Januar 2019 auf über 513 Millionen gestiegen. Pressemeldung 114 vom 10.07.2019.
Statista GmbH: Religionszugehörigkeit in Österreich 2019. www.statist.at (Zugriff: 25.03.2021).
Verein für Konsumenteninformation (VKI): Fleisch: geschächtet. www.konsument.at (Zugriff: 25.03.2021).
Zentralrat der Juden in Deutschland: Kaschrut – die jüdischen Speisevorschriften. www.zentralratderjuden.de (Zugriff: 18.03.2021).

 

 

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