Adipositas verlangt differenzierte Diagnose und Therapie
Im Programm der österreichischen Bundesregierung 2025–2029 ist gesundheitliche Prävention als ein zentraler Schwerpunkt verankert und mit Maßnahmen hinterlegt. Gerade beim Thema Adipositas ist es von hoher gesundheitspolitischer und volkswirtschaftlicher Relevanz, diese Vorhaben umzusetzen, um die Prävalenz zu senken. In OECD-Ländern entfallen nämlich durchschnittlich rund 8,4 % der Gesundheitsausgaben auf die Behandlung Adipositas-bedingter Erkrankungen. Für Österreich werden jährliche Kosten von über 2,4 Milliarden Euro geschätzt.
Wie eine Trendwende gelingen kann, wird aktuell mitunter sehr emotional diskutiert. Es vollzieht sich aber ein grundlegender Wandel: Lange Zeit galt der einfach anwendbare Body-Mass-Index (BMI) als zentrales Instrument zur Einordnung von Übergewicht und Adipositas. Nun wird aber zunehmend deutlich, dass er die individuelle gesundheitliche Situation nur unzureichend abbildet, da Körperzusammensetzung, Fettverteilung oder Organfunktion nicht berücksichtigt werden. Moderne Ansätze beziehen daher zusätzliche Parameter wie Taillenumfang oder direkte Messungen der Körperzusammensetzung ein.
Differenzierte Diagnose für differenzierte Therapie
Auch die funktionale Betrachtung rückt in den Vordergrund. Internationale Fachgremien unterscheiden zwischen präklinischer und klinischer Adipositas. Während erstere einen erhöhten Körperfettanteil ohne gesundheitliche Einschränkungen beschreibt, liegt bei klinischer Adipositas eine Erkrankung mit funktionellen oder metabolischen Beeinträchtigungen vor. Diese Differenzierung hat weitreichende Konsequenzen. Sie verdeutlicht, dass nicht jede Person mit erhöhtem Körpergewicht automatisch behandlungsbedürftig ist, während umgekehrt auch bei unauffälligem BMI gesundheitliche Risiken bestehen können. Damit verschiebt sich der Fokus von einer rein gewichtsbasierten Bewertung hin zu einer ganzheitlichen Einschätzung der Gesundheit, wie die Präsidentin der Österreichischen Adipositasgesellschaft, Dr. Bianca-Karla Itariu, im Interview mit ernährung heute betont.
Mit der präziseren Einordnung geht auch ein veränderter Zugang zur Therapie einher. Maßnahmen orientieren sich zunehmend am individuellen Krankheitsbild und dessen Ausprägung. Liegen keine Beschwerden oder funktionellen Einschränkungen vor, stehen präventive Ansätze im Vordergrund. Dazu zählen ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung sowie ein bewusster Umgang mit Schlaf und Stress. Anders stellt sich die Situation bei klinischer Adipositas dar: Hier reichen allgemeine Lebensstilmaßnahmen häufig nicht aus. Vielmehr sind multimodale Therapieansätze erforderlich, die je nach Bedarf medikamentöse oder chirurgische Optionen einschließen. Der Lebensstil bleibt dabei eine zentrale Basis, ist jedoch nicht als alleinige Lösung zu verstehen.
Prävention: Maßnahmen im Zusammenspiel
Parallel zur Weiterentwicklung der Diagnostik wird auch die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen differenzierter betrachtet. Demnach ist ein Zusammenspiel verschiedener Ansätze notwendig, die sowohl individuelles Verhalten als auch strukturelle Rahmenbedingungen adressieren. Verhältnisprävention setzt bei den Lebensbedingungen an und schafft gesundheitsförderliche Umgebungen etwa durch ausgewogene Verpflegungsangebote, während Verhaltensprävention beim Individuum ansetzt und Wissen, Kompetenzen und Routinen im Alltag stärkt. Besonders wirksam sind Maßnahmen mit hoher Reichweite, die ohne aktives Zutun greifen, wie die Anpassung von Portionsgrößen oder die schrittweise Reformulierung von Lebensmitteln. Demgegenüber zeigen Maßnahmen wie Steuern oder Nährwertkennzeichnungen zwar punktuelle Effekte, bleiben jedoch in ihrer Gesamtwirkung begrenzt. Auch der Einfluss von Werbebeschränkungen ist bislang nicht eindeutig belegt.
Eine zentrale Rolle kommt zudem dem sozialen Umfeld zu. Familie, Bildungseinrichtungen und Alltagsstrukturen prägen Essverhalten, Bewegungsgewohnheiten und Gesundheitskompetenz von Beginn an. Früh ansetzende Ernährungsbildung und regelmäßige Bewegung können langfristig zur Etablierung eines gesunden Lebensstils beitragen.
Weitere Themen im Heft
Mit der aktuellen Ausgabe starten zudem zwei Serien: In der Rubrik „Lebensmitteltechnologie“ widmet sich Univ.-Prof. Henry Jäger von der BOKU University verschiedenen Verarbeitungsschritten der industriellen Herstellung. Er erklärt, wie Produkte entstehen und was nötig ist, damit sie lange haltbar und für unseren Alltag und das Einkaufsverhalten kompatibel sind. Zum Auftakt geht es um Pasteurisation und Sterilisation. In der Serie zu Warenkunde und Sensorik stehen heuer Getränke im Mittelpunkt. Dr. Eva Derndorfer erzählt deren Geschichten über Kultur, Handwerk, Innovation und Geschmack. Den Beginn macht Kombucha. Neu im Heft ist auch eine ernährungspolitische Kolumne von Dr. Michael Blass, der mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung und aus lebensmittelrechtlicher Perspektive aktuelle Entwicklungen kommentiert.
Das Heft wird auf Anfrage an presse@forum-ernaehrung.at für Journalisten gerne als pdf-Version zur Verfügung gestellt.