GLP-1: Gamechanger für Adipositas-Therapie, aber keine Systemlösung

f.eh-Business Breakfast: Positive Effekte bei Adipositas-Therapie. Nachhaltige Lösungen erfordern strukturelle Maßnahmen und Prävention. Prävalenzreduktion muss gesellschaftliches Ziel sein.
Ursprünglich zur Behandlung von Diabetes entwickelt, werden GLP-1-Medikamente mittlerweile zur Behandlung von Adipositas eingesetzt. Die Wirkstoffe – als Abnehmspritze bekannt und mittlerweile auch als Tabletten erhältlich – senken den Appetit, verändern individuelle Essgewohnheiten und beeinflussen damit nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern haben auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Implikationen. Darüber diskutierten OÄ Priv.-Doz. Dr. Johanna Brix (Klinik Landstraße, Leiterin der Adipositas-Akademie und Past Präsidentin der Österreichischen Adipositasgesellschaft) sowie Dr. Cordula Cerha (WU Wien und CMC-Consultants) mit Dr. Marlies Gruber, Geschäftsführerin des forum. ernährung heute (f.eh). Im Fokus des f.eh-Business Breakfasts standen die Rolle von GLP-1 in der Adipositas-Therapie, Folgen für Prävention und Gesundheitspolitik sowie strategische Antworten von Industrie, Gastronomie und Handel. Die Expertinnen stellen fest: Die Zahl der Betroffenen von Adipositas steigt stetig. Es braucht daher eine umfassende Ernährungs- und Verbraucherbildung als Vorsorgemaßnahme sowie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit der Erkrankung. Denn, so f.eh-Geschäftsführerin Marlies Gruber: „GLP-1 ist ein Gamechanger bei der individuellen Therapie für Menschen mit Adipositas, aber nicht für das System als Ganzes. Hier bedarf es einer integrierten Sichtweise, um multifaktorielle Ursachen ganzheitlich zu adressieren.“

Neue medikamentöse Therapien rund um GLP-1 und GIP sorgen derzeit international für Aufmerksamkeit und gelten als bedeutender Fortschritt in der Behandlung von Adipositas. Dabei handelt es sich um Substanzen, die Darmhormone nachahmen. Sie bringen in Phase-3-Studien deutliche Gewichtsreduktionen von bis zu 23 % innerhalb eines Jahres, ehe sich ein Plateau einstellt. Sie haben außerdem positive Effekte auf unzählige Begleiterkrankungen, reduzieren das Risiko für Diabetes und wirken lebensverlängernd. In einer großen Studie mit rund 7.000 Patientinnen und Patienten ohne Typ-2-Diabetes, aber mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde erstmals gezeigt, dass eine Therapie neben der Gewichtsreduktion auch zu einer Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse und Todesfälle um etwa 20 % führt. Das GIP-Hormon wiederum wirkt zusätzlich teilweise direkt auf das Fettgewebe und indirekt auf Veränderungen im Essverhalten.

Adipositas: Wirkstoffe allein sind zu wenig

Gleichzeitig zeigt sich jedoch immer deutlicher: So groß die medizinischen Erfolge sind, so wenig lösen diese Therapien das zugrundeliegende Problem. Hier ist eine umfassendere, systemische Herangehensweise gefragt, die von der individuellen Therapie bis hin zu politischen Maßnahmen reicht. Warum, zeigt u.a. die sogenannte Set-Point-Theorie. Sie erklärt, warum nachhaltige Gewichtsreduktion selten funktioniert. Der Körper unterscheidet nicht zwischen gesundem und ungesundem Gewicht, für ihn gilt: mehr ist besser. Das stammt aus der Zeit der Jäger und Sammler, in der nicht klar war, wann es das nächste Mal genug zu essen gibt. Mit jeder Erreichung eines neuen Höchstgewichtes wird vom Körper ein neues Sollgewicht geeicht. Er arbeitet also aktiv gegen Gewichtsverlust. Diese Mechanismen führen dazu, dass klassische Diäten langfristig häufig scheitern und sich Gewichtsschwankungen wiederholen.

Auch deswegen wird Adipositas als chronische Erkrankung definiert, die eine langfristige Behandlung erfordert – analog zur Behandlung von beispielsweise Bluthochdruck, bei dem die Therapie auch lebenslänglich fortgesetzt wird. GLP-1- und GIP-basierte Therapien greifen genau in die biologischen Prozesse ein: Sie beeinflussen den Hormonhaushalt, regulieren Hunger- und Sättigungsgefühle und verändern nachweislich auch Präferenzen im Essverhalten. Im Vergleich zu Menschen mit Normalgewicht brauchen jene mit Adipositas eine höhere Konzentration an Süße oder Salzig, um zufrieden zu sein. Durch die Medikation nähert sich ihr Belohnungsempfinden an Gesunde an und sie haben deutlich weniger Lust auf Süßes, generell Kohlenhydrate und Fast Food sowie ein allgemein weniger ausgeprägtes Food Craving. Trotz dieser Fortschritte bleibt ein entscheidender Punkt: Die Effekte sind in der Regel nicht dauerhaft. Wird die Therapie beendet, geht das Gewicht nach oben und auch andere Gesundheitsparameter verschlechtern sich wieder. Diese Erkenntnis unterstreicht den chronischen Charakter der Erkrankung und die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Betreuung. Daraus ergibt sich auch eine gesundheitspolitische Herausforderung, da die kurzfristigen Kosten der Behandlung langfristigen Einsparungen gegenüberstehen, die jedoch schwer messbar sind.

Lifestyle-Medikament? Expertinnen warnen

Aktuell gewinnt die Diskussion um die Nutzung dieser Medikamente außerhalb der medizinischen Indikation an Dynamik. Während GLP-1-basierte Therapien zusätzlich zu Diät und Bewegung für das chronische Gewichtsmanagement ursprünglich für klar definierte Patientengruppen (BMI ≥30 kg/m2 oder BMI ≥27 kg/m2 + Begleiterkrankung) entwickelt wurden, zeigt sich insbesondere international ein großes Interesse an einer Lifestyle-Anwendung. Für die Anwendung außerhalb der medizinischen Indikation gibt es derzeit aber keine ausreichenden Daten. Die Expertinnen betonen, dass diese Therapien primär medizinisch eingesetzt werden sollten und keine Abkürzung für eine nachhaltige Lebensstilveränderung darstellen, so Johanna Brix: „Diese Medikamente sind keine Wundermittel. Sie wirken als Unterstützung, eine Art Krücke, um notwendige Lebensstiländerungen überhaupt umsetzen zu können. Die Basis bleibt die Lebensstiländerung.“

Auch aus wirtschaftlicher Perspektive lassen sich erste Effekte beobachten. Der Markt reagiert, wenn auch weniger dramatisch als vielfach angenommen, so Cordula Cerha: „Analysen zeigen, dass sich das Konsumverhalten verändert, insbesondere in Richtung gesünderer, proteinreicher sowie ballaststoffreicher Produkte, während gleichzeitig bestimmte Kategorien leicht rückläufig sind. Besonders im Bereich Fast Moving Consumer Goods entstehen neue Dynamiken, etwa durch funktionelle Lebensmittel, angepasste Portionsgrößen und gesundheitsbezogene Angaben. Produkte, die ausschließlich auf gesundheitliche Vorteile setzen, ohne sensorisch zu überzeugen, stoßen aber rasch an ihre Grenzen. Erfolgreich sind jene Angebote, die gesundheitlichen Nutzen und Genuss vereinen.“ Unternehmen sollten daher die Entwicklung monitoren und überlegen, wie veränderte Portionsgrößen und Produktformate zur Markenidentität passen. Im Lebensmitteleinzelhandel könnten Anpassungen zu Sortimentsverschiebungen führen und thematische Regalplatzierungen mit anderen Trends um Verkaufsfläche konkurrieren.

Bildung als Hebel

Ein weiterer zentraler Aspekt der Diskussion war die Rolle von Bildung als Präventionsmaßnahme. Einig waren sich die Expertinnen darin, dass nachhaltige Veränderungen im Ernährungs- und Gesundheitsverhalten nicht allein durch medizinische Innovationen erreicht werden können, sondern früh ansetzen müssen. Ernährungsbildung, Gesundheitskompetenz und ein besseres Verständnis für Zusammenhänge zwischen Lebensstil, Stoffwechsel und langfristiger Gesundheit sind entscheidende Hebel. Gerade vor dem Hintergrund komplexer Themen wie GLP-1, Ernährungstrends und widersprüchlicher Informationen in sozialen Medien kommt Bildung eine Schlüsselrolle zu, um Orientierung zu schaffen und Fehlentwicklungen zu vermeiden.

„Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es mehr braucht als medikamentöse Innovationen. Gefordert sind ganzheitliche Strategien, die Prävention, Ernährung, Bewegung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ebenso berücksichtigen wie den Zugang zu medizinischer Behandlung. Nur in diesem Zusammenspiel kann es gelingen, Adipositas nachhaltig zu begegnen und langfristig sowohl gesundheitliche als auch wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen“, unterstreicht Marlies Gruber.