14.08.2019 von Dr. Marlies Gruber

Evidenzbasierte Kommunikation

Die Ernährungswissenschaften inklusive Ernährungssoziologie und -psychologie sind eine junge Wissenschaft. Deswegen drehen und wenden sich auch immer wieder manche Erkenntnisse. Der Diskurs ist spannend, oft wäre er aber besser in Fachkreisen aufgehoben und ist nicht sofort für Populärmedien geeignet. Was ist für informierte Entscheidungen relevant?

Viel an Konfusion, viele Unsicherheiten und Risikoverzerrungen bei Konsumenten könnten eingedämmt werden, würde nicht jede neue Studie, die freilich für die wissenschaftliche Debatte relevant sein kann, die breite Bevölkerung erreichen. Es ist daher sinnvoll, sich als Fachkraft, Journalist oder auch interessierter Konsument an Randomized Controlled Trials (RCTs), systematischen Reviews und Metaanalysen zu orientieren. Sie bilden die Spitze der Evidenzpyramide und haben durch die Synthese mehrerer Studien das Potenzial, einen valideren Eindruck der Datenlage zu vermitteln. Doch auch da gilt: „Garbage In, Garbage Out“ – wie Isolde Sommer, Assistenzprofessorin für Klinische Epidemiologie am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Donau-Universität Krems, bei einem f.eh-Dialog (2015) betonte. Sprich: Auch diese Übersichtsarbeiten und -analysen können nur dann einen Mehrwert bieten, wenn der Rohstoff, also die einzelnen Studien, eine gute Qualität aufweisen. Mangelt es an Qualität (und Quantität) der Ausgangsstudien, stellt sich die Frage, welchen Zweck die Übung eines Reviews oder einer Metaanalyse verfolgt. Bei Ableitungen für die Praxis heißt es demnach mitunter, Vorsicht walten zu lassen. Hinter starken Headlines und knappen Abstracts lauern manches Mal magere Daten. Auch die WHO verweist in den Fußnoten ihrer Zucker-Guidelines aus 2015 auf eine schwache bis sehr schwache Beweislage für die zu erwartenden Effekte einer Zuckerreduktion hinsichtlich des Risikos für Karies und einer möglichen Gewichtsreduktion bei isokalorischem Austausch.

Evidenzbasierte Information: Klar und verständlich

Nur wenn Nutzen und Risiken von Maßnahmen und Verhaltensänderungen richtig eingeordnet werden können, ist es möglich, treffsichere, gute und informierte Entscheidungen zu treffen. Dazu bedarf es einer klaren, verständlichen und umfassenden Kommunikation. Mit der Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation will das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin die Qualität von Informationen verbessern und informierte Entscheidungen fördern. Die Leitlinie richtet sich an Autoren von Gesundheitsinformationen und dient damit auch als Geländer für viele Bereiche der Ernährungskommunikation. Basis ist ein Strukturrahmen des UK Medical Research Council für das Vermitteln von komplexen Informationen und die Konzeption von Interventionen. Grundlegende Qualitätskriterien sind neben der Zielgruppenorientierung die inhaltlichen Anforderungen. Systematische Reviews, Metaanalysen und RCTs gelten – wie oben erwähnt – als Goldstandard für die Beurteilung, ob und wie Veränderungen des Verhaltens oder Medikationen wirken. Für Konsumenten oder Patienten sind je nach Kontext folgende Informationen relevant:

  • Warum soll ich etwas ändern? Was ist das Ziel?
  • Welches grundlegende Risiko liegt vor und wie hoch ist es?
  • Wie sieht es aus, wenn ich nichts ändere?
  • Welche Handlungsoptionen habe ich sonst noch? Welche anderen Maßnahmen führen ebenso zum Ziel?
  • Wie steht es um die Beweislage (Evidenz)? Welche Unsicherheiten gibt es für die empfohlene Maßnahme?
  • Wie wahrscheinlich ist ein Erfolg? Und wie wahrscheinlich ist ein Misserfolg?
  • Mit welchen Nebenwirkungen ist bei allen Varianten zu rechnen?
  • Wie hoch sind die Kosten?
  • Mit welchen Konsequenzen ist zu rechnen (medizinisch, psychosozial)?


Häufigkeiten und Risiken

Wie diese Antworten zu Risiken, Nutzen oder Schaden verstanden werden, hängt stark von deren Angabe ab. Daher enthält die Leitlinie für evidenzbasierte Gesundheitskommunikation auch Empfehlungen dafür. Denn oft werden die statistischen Daten zu Wahrscheinlichkeiten verbal formuliert. Häufigkeiten werden mehr oder weniger genau als z. B. selten, gelegentlich oder häufig angegeben, Risiken z. B. als möglich oder wahrscheinlich. Diese sprachlichen Umschreibungen werden individuell sehr unterschiedlich interpretiert und führen zu differierenden Risikowahrnehmungen. Analysen zeigen beispielsweise, dass bei verbalen Angaben zu Nebenwirkungen die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens überschätzt wird. Analog dürfte es sich mit Lebensmittelrisiken verhalten. Von einer alleinigen verbalen Darstellung wird daher abgeraten. Bei der Angabe von natürlichen Häufigkeiten sind zum leichteren Verständnis gleiche Bezugsgrößen zu wählen(z. B. nicht: „80 von 800 vs. 20 von 100“). Bei den Angaben zu Nutzen und Schaden ist das absolute Risiko zu bevorzugen. Dessen Nennung führt zu einer präziseren Risikowahrnehmung, vor allem wenn das Basisrisiko nicht erwähnt wird. Bei Angabe einer relativen Risikoreduktion oder -steigerung kommt es eher zu Überschätzungen des Nutzens einer Maßnahme. Verringert sich beispielsweise die Sterblichkeit von 2,5 % auf 2,0 %, so ist das relative Risiko um 20 % gesunken. Ausgedrückt als absolutes Risiko ist es jedoch eine Reduktion um 0,5 Prozentpunkte. Das relative Risiko bezieht sich nur auf die Todesfälle, das absolute Risiko auf alle Untersuchten bzw. die Risikoänderung in der Gesamtbevölkerung.

Fazit

Für evidenzbasierte Kommunikation sind vorrangig zwei Ebenen wesentlich. Zum einen die inhaltliche Ebene: Welche Evidenz weisen die Botschaften und Maßnahmen auf? Und welche Informationen sind für die Zielgruppe relevant? Zum anderen geht es darum, klar und für möglichst alle in der Zielgruppe verständlich zu kommunizieren. Evidenzbasierte Empfehlungen gibt es dafür u. a. zur Zielgruppenorientierung, für die Angabe von Häufigkeiten sowie den Einsatz von Grafiken, Fotos oder Faktenboxen.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Artikels „Evidenzbasierte Kommunikation“ von Gruber M. aus der ernährung heute 3_2019.

Buchtipps

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Springer Spektrum, Berlin (2019)
ISBN: 978-3-662-59124-6
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Literatur

Sommer I: Evidenz in der Ernährungsforschung: Was ist möglich? Vortrag beim f.eh-Dialog „Ernährungsstudien in der Kritik“ am 11.06.2015 in Wien.

Lühnen J et al.: Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation (2017). Internet: www.leitlinie-gesundheitsinformation.de (Zugriff: 09.09.2018)

Craig P et al.: Developing and Evaluating Complex Interventions: The New Medical Research Council Guidance. BMJ 337: a1655 doi: 10.1136/bmj.a1655 (2018).

Howick J et al.: The 2011 Oxford CEBM Evidence Levels of Evidence (Introductory Document). Oxford Centre for Evidence-Based Medicine (2011).

Mörixbauer A, Gruber M, Derndorfer E: Handbuch Ernährungskommunikation. Springer Spektrum, Berlin (2019).

World Health Organization: Sugars Intake for Adults and Children. Guideline (2015).

 

 

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