28.08.2020 von Elisabeth Sperr

Food Waste - eine Bestandsaufnahme

Das Verschwenden von Lebensmitteln ist nicht nur ein ethisches und wirtschaftliches Problem, sondern belastet auch die Umwelt. Wertvolle Ressourcen werden verbraucht und nicht genutzt. Wieviel insgesamt verloren geht, ist jedoch nicht immer so einfach zu quantifizieren. Auch politisch findet sich das Thema Food Waste mittlerweile in großen Rahmenprogrammen und Projekten. Ein Überblick zum Thema.

Alles, was wir essen, hat vom Acker bis auf den Teller eine kürzere oder längere Reise hinter sich. So muss zum Beispiel eine Kartoffel gesät, gegossen, von Beikräutern befreit, geerntet, gewaschen, verpackt und zum Geschäft gebracht werden, bevor sie gekauft und gegessen werden kann. Allerdings essen wir nicht alles, was angepflanzt, geerntet und verarbeitet wird. In der landwirtschaftlichen Produktion werden genießbare Produkte bereits am Feld zurückgelassen und in der weiteren Verarbeitung oder im Handel aussortiert. Selbst von den Produkten, die wir kaufen, landet noch ein erheblicher Anteil im Müll. Laut einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) handelt es sich jährlich um rund 1,3 Mrd. t, die weltweit von allen Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette weggeworfen werden. Das entspricht rund einem Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel. Dadurch gehen Ressourcen wie Wasser, Land, Energie, Arbeitszeit und Geld verloren. Die Verschwendung und Entsorgung von Lebensmitteln verursacht zusätzlich Treibhausgasemissionen, die zur Erwärmung der Atmosphäre und damit zum Klimawandel beitragen. Wäre die Lebensmittelverschwendung ein Land, dann wäre sie nach den USA und China der drittgrößte Erzeuger von CO2, so die FAO.

Food Waste versus Food Loss

Vermeidbare Lebensmittelverluste passieren nicht in allen Ländern an den gleichen Stellen der Wertschöpfungskette. Um nachhaltigere Systeme schaffen zu können, ist es wichtig zu wissen, wo genau die kritischen Punkte liegen. Fundierte Zahlen von Verschwendung, insbesondere im Landwirtschafts-, Verarbeitungs-, aber auch im Einzelhandelssektor und in den Haushalten, sind allerdings schwierig zu bekommen. Das Problem liegt dabei hauptsächlich in unterschiedlichen Definitionen und Messmethoden. Denn wer von Lebensmittelabfällen spricht, kann ausschließlich jene in privaten Haushalten meinen oder auch jene, die im Handel oder bei der Herstellung anfallen, etc. Die Messergebnisse sind dementsprechend heterogen und eine klare Quantifizierung fällt schwer.

Um das Wording zu konkretisieren, unterscheidet die FAO in Food Waste und Food Loss. Bei Food Waste handelt es sich demnach um Lebensmittelabfall, der im Verkauf, in der Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung sowie in privaten Haushalten anfällt. Unter Food Loss dagegen werden die Verluste verstanden, die am Weg vom Feld bis zum fertigen Produkt in Landwirtschaft und Produktion entstehen. Während die Länder der EU vorwiegend Food Waste produzieren, entstehen in ärmeren Ländern die Verluste dagegen vermehrt bei der Ernte, Lagerung oder Verarbeitung der Lebensmittel. Das liegt oftmals an fehlenden Technologien und mangelndem Know-how. Diese Unterscheidung in Waste und Loss ist simpel, hat sich aber bisher nicht in der Praxis durchgesetzt.

Auch innerhalb dieser beiden Kategorien bleibt ein Vergleich von Daten schwierig. So wirft beispielsweise laut Website des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT) jeder Mensch in Österreich 19 kg Lebensmittel pro Jahr weg (Daten von Schneider et al., 2012). Zahlen der FAO aus dem Jahr 2011 zufolge, entfallen auf jeden Europäer jedoch jährlich 95-115 kg. Solch große Unterschiede werfen Fragen auf. Dass die Menschen in Österreich so viel weniger wegwerfen als der europäische Durchschnitt, ist unwahrscheinlich. Der Grund liegt darin, dass in dem FAO-Bericht der Food Waste aus Handel und Privathaushalten zusammen auf eine Einzelperson heruntergerechnet wird, während es sich bei den Daten aus Österreich um eine Müll-Erhebung handelt, die nur bei den Verbrauchern durchgeführt wurde und den Handel nicht berücksichtigt. 

Wissenswert

Laut Zahlen von Schneider et al. aus dem Jahr 2012 bedeutet das Wegwerfen von Lebensmitteln für einen durchschnittlichen österreichischen Zwei-Personen-Haushalt einen Verlust von rund 270 € pro Jahr. Für ganz Österreich entspricht das einem Wert von über 1 Mrd. €, die durch Lebensmittelabfälle verloren gehen. 

Die Hälfte im Haushalt

Rund die Hälfte von Food Waste und Food Loss entfällt auf die Konsumenten, die andere Hälfte teilen sich Landwirtschaft, Gastronomie, Produktion und Handel. Dieses Bild zeigt sich nicht nur in Österreich, auch in anderen EU-Ländern wie Deutschland sieht es ganz ähnlich aus.

Verluste und Abfälle - Situation in Österreich

Quelle: Grafik basierend auf Daten des WWF-Berichts „Teller statt Tonne“, 2020.

Brot, Gebäck, Obst und Gemüse

Einem Bericht des WWF aus 2020 zufolge landen österreichweit besonders Obst und Gemüse sowie Brot und Gebäck im Müll. So entsorgt jeder Zehnte der befragten Personen (n=2159), zumindest ein bis zwei Mal pro Woche Brot und Gebäck. Mehr als jeder Zweite sagt, alle zwei bis vier Wochen Obst und Gemüse wegzuwerfen. Dabei ist das Thema den Menschen durchaus bewusst: Rund 70 % geben an, sich bereits mit Lebensmittelabfällen in ihrem Haushalt auseinandergesetzt zu haben, und erachten diese Thematik als wichtig. Als Gründe für die Lebensmittelverschwendung werden fehlende Zeit für die Zubereitung (55 %) sowie ein Mangel an entsprechenden Lagerungsmöglichkeiten und Kochideen (jeweils rund 20 %) angeführt. 

Wissenswert

In Wien versorgt der Verein „Wiener Tafel“ 19.000 Armutsbetroffene in rund 100 Sozialeinrichtungen mit Warenspenden von Handel, Industrie und Landwirtschaft, die nicht mehr zum Verkauf angeboten werden können, obwohl sie noch genießbar sind. Hier erfahren sie mehr über die Wiener Tafel und wie sie unterstützt werden kann. 

Ziel: Food Waste bis 2030 halbieren

Die wachsende Weltbevölkerung und steigende Einkommen werden laut FAO bis 2050 zu einer gesteigerten Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten um 35-50 % führen. Vor dem Hintergrund nachhaltiger Ernährungssysteme sowie begrenzter Ressourcen und Welthunger, sind Food Waste und Food Loss auch politisch hochrelevante Themen. Im Rahmen der Sustainable Development Goals (SDGs) für eine nachhaltige Entwicklung haben es sich die Vereinten Nationen zum Ziel gemacht, den Food Waste bis 2030 zu halbieren und den Food Loss zu reduzieren. Eine in den SDGs festgelegte standardisierte Vorgehensweise ermöglicht es Unternehmen, Food Waste und Food Loss zu definieren, zu messen und offenzulegen. Das Monitoring soll helfen, Problemstellen zu identifizieren. Konkrete Maßnahmen werden allerdings nicht vorgeschrieben. Auch die EU schließt sich diesem Ziel an. Die Farm to Fork Strategie, die von der Europäischen Kommission im Rahmen des Green Deal im Mai 2020 verabschiedet wurde, sieht neben der Förderung der biologischen Landwirtschaft, einem verstärktem Fokus auf Tierwohl und der Schärfung des Konsumentenbewusstseins zu nachhaltiger und gesunder Ernährung auch politische Maßnahmen vor, um Food Waste und Food Loss zu verringern. Darunter finden sich eine Überarbeitung der EU-Vorschriften zu Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum bis Ende 2022 und das Definieren rechtsverbindlicher Ziele zur Reduktion von Food Waste und Food Loss bis Ende 2023. In Österreich gibt es keinen eigenen nationalen Plan, der sich mit Food Waste befasst, allerdings inkludiert der Bundes-Abfallwirtschaftsplan aus dem Jahr 2017 die Abfallvermeidung in Betrieben und anderen Organisationen sowie Haushalten. Ein eigener Punkt behandelt die Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Darin finden sich konkrete Maßnahmenpakete für Lebensmittelproduktion, -verarbeitung und -handel, soziale Einrichtungen sowie Außer-Haus-Verpflegung und private Haushalte. Pläne dieser Art werden mindestens alle sechs Jahre erstellt, der nächste ist also für 2023 zu erwarten.

Die Plattform United Against Waste befasst sich mit Lebensmittelabfallvermeidung in der Gastronomie, Beherbergung und Gemeinschaftsverpflegung. Zielgerichtete Maßnahmen und Praxistipps sollen Küchenbetrieben helfen, ihre Lebensmittelabfälle zu senken. Auch die Initiative Lebensmittel sind kostbar des BMLRT hat es sich zum Ziel gemacht, Lebensmittelabfälle entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu reduzieren. Sie soll eine nachhaltige Verringerung von Lebensmittelabfällen in allen Bereichen durch Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung erreichen, nachhaltige Prozesse und Systeme in der Wirtschaft unterstützen sowie Projekte zur Weitergabe nicht mehr benötigter Lebensmittel an Bedürftige und soziale Institutionen fördern. Besonders die Weitergabe noch genießbarer Produkte konnte durch die Initiative deutlich gesteigert werden, wie der erste Bericht aus dem Jahr 2018 zeigt.

Bei all den großen Projekten, die die Relevanz des Themas unterstreichen, darf man jedoch nicht vergessen, dass jeder Einzelne einen Beitrag zur Reduktion von Food Waste leisten kann, soll und muss, damit der Wandel zu einem nachhaltigen Ernährungssystem langfristig erfolgreich sein kann. In unseren f.eh-Tipps gegen Food Waste haben wir zusammengefasst, wie sich Lebensmittelabfälle zu Hause vermeiden lassen.

Fazit

Wenn es darum geht Food Waste und Food Loss zu verringern, spielt jeder Akteur entlang der Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle. Das betrifft jene, die Lebensmittel produzieren, verarbeiten und zum Verzehr bereitstellen, ebenso wie die Konsumenten. Die Politik hat europa- und österreichweit bereits begonnen, das Thema Food Waste und Food Loss verstärkt auf ihre Agenda zu setzen. Rund 50 % der vermeidbaren Abfälle passieren jedoch in Privathaushalten. Den Umfragen zufolge ist das Wissen um Lebensmittelverschwendung bei vielen Konsumenten bereits angekommen, doch an der Umsetzung mangelt es oftmals noch.

 

Literatur

Die Quellen können hier abgerufen werden.

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