Nachhaltiger Fischkonsum: Wildfang, Aquakultur und Einkaufstipps im Überblick

Angesichts überfischter Meere, umstrittener Fangmethoden und der Berichte über Missstände in Aquakulturen stellen sich viele Menschen die Frage, ob und wie Fisch noch auf den Teller kommen soll. Ein Überblick über die wichtigsten Aspekte.

Jahrhundertelang galten die Ozeane als unerschöpfliche Quelle für Fisch und Meeresfrüchte. Die Weltbevölkerung nimmt jedoch zu und mit ihr die globale Nachfrage nach Thunfisch, Goldbrasse und Co. Fast überall auf der Welt wird mehr Fisch gefangen als natürlich nachkommt. Heute wissen wir, dass etwa die Hälfte der Bestände bis an nachhaltige Grenzen befischt und rund 40 % überfischt sind. Im Mittelmeer sind derzeit sogar fast 60 % der Bestände von Überfischung betroffen, wobei sich die Lage hier im Vergleich zu den Vorjahren verbessert hat.

Traditionelle und industrielle Fischerei im Vergleich

Global gesehen wird zwischen traditioneller und industrieller Fischerei unterschieden. Erstere betreiben vor allem Familien, die vorwiegend in Küstennähe und für den lokalen Verbrauch Fische fangen. Dabei kommen Schiffe zum Einsatz, die meist nicht länger als 15 m sind. Mehr als 90 % der Fischerinnen und Fischer weltweit fallen in diese Kategorie. Mit rund 60 % geht allerdings etwas mehr als die Hälfte des Fangs auf das Konto der industriellen Fischerei, die im Allgemeinen folgende Merkmale aufweist: hohe Kapitalausstattung und -ausgaben, hoher Grad an Mechanisierung und Motorisierung, Verarbeitung an Bord. Große Schiffe sind zudem für mehrtägige Offshore-Tätigkeiten ausgelegt und profitieren meist vom weltweiten Marktzugang.

Aktive und passive Fangmethoden

Beim Fischfang gibt es grundsätzlich aktive und passive Fangmethoden. Bei den aktiven Methoden zählen die kegel- bzw. trichterförmigen Schleppnetze zu den wichtigsten Fanggeräten. Diese werden entweder durchs freie Wasser gezogen – auf Höhe der sogenannten Wassersäule, also über dem Meeresboden –, oder am Grund geschleppt. Das Netz hat je nach Zielart unterschiedliche Maschenweiten, die in der Größe reguliert werden können. Der Fang umfasst verschiedene Fischarten, aber auch Krebstiere und Tintenfische. Grundschleppnetze zielen auf bodennah lebende Arten wie Scholle und Seezunge sowie diverse Muscheln und Schnecken ab. Aufgrund der vielen Einsatzmöglichkeiten, Gebiete und Zielarten unterscheiden sich die Umwelteinflüsse von Schleppnetzen erheblich. Eine weitere Kategorie sind die Umschließungs- und Hebenetze, die Fischschwärme von allen Seiten einschließen und anschließend an Deck holen. Zum Einsatz kommen sie an der Oberfläche und sind die effektivste Methode, um in der Wassersäule schwimmende Schwarmfische zu fangen. Dazu zählen etwa kleine Fischarten wie Sardine, Hering, Makrele und Sardelle, aber auch der große Thunfisch.

Die passiven Methoden umfassen viele unterschiedliche Fanggeräte. Nachfolgend werden jene genannt, die in kommerzieller Hinsicht am relevantesten sind. In Kiemen- und Verwickelnetzen, die vertikal an der Oberfläche, in der Wassersäule oder am Boden eingesetzt werden, bleiben Fische mit dem Körper, den Flossen, Zähnen oder Kiemendeckeln hängen. Gefangen werden damit sowohl Arten am Boden (z. B. Scholle, Taschenkrebs, Seespinne) als auch Spezies, die über dem Boden stehen (z. B. Kabeljau, Seelachs, Seehecht). Bei der Haken- und Langleinenfischerei werden die Tiere dagegen mit Ködern angelockt, die an einem Haken befestigt sind. Die Leinen können kurz sein, wie beim Angeln (Handleine), oder eine Länge von bis zu 100 km aufweisen (Langleine) und in großer Zahl eingesetzt werden. Diese Fangmethode zielt vorwiegend auf größere Raubfische wie Thunfisch, Schwertfisch oder Hai ab. Sind die Leinen bodennah ausgelegt, werden etwa Dorsch, Steinbutt oder Heilbutt gefangen. Zudem spielen sie bei der Jagd auf Tintenfisch eine Rolle. Dabei werden mit sogenannten Squid Jiggern mehrere hundert Haken in die Tiefe gelassen. Darüber hinaus gibt es große stationäre Netze, Barrieren, Fallen oder Reusen. Diese bestehen aus Holz, Bambus oder Kunststoff, werden mit oder ohne Köder aufgestellt und sind so konzipiert, dass der Eingang keinen Rückweg bietet und die Tiere nicht entkommen können. Die Beute: Krebstiere wie Hummer und Languste, aber auch Kopffüßer wie der Oktopus. In den weltweiten Meeren kommen alle genannten Prozeduren zum Einsatz. In heimischen Gewässern ist die Fischerei hingegen auf wenige Fangmethoden beschränkt. Einerseits sind die Verhältnisse für große Schiffe mit Schleppnetzen nicht gegeben, andererseits fehlen größere Schwarmvorkommen, die eine derartige Befischung lukrativ machen würden. Daher wird meist entweder mit Angeln befischt, oder es werden Stellnetze und Reusen eingesetzt.

Wie problematisch sind Schleppnetze, Langleinen, Reusen und Co?

Per se sind nur wenige Fangmethoden aus Umweltsicht als No-Go zu bezeichnen. Grundschleppnetze gelten wegen ihres Bodenkontakts grundsätzlich als wenig nachhaltig. Sie können aber auch so gezogen werden, dass sie knapp über dem Meeresboden hinwegschweben, ohne den Lebensraum zu zerstören. Beim Einsatz von sogenannten Baumkurren, die am Boden aufliegen und darüber hinweggezogen werden, können die Schäden an der maritimen Vegetation hingegen erheblich sein. Dabei spielt die Bodenbeschaffenheit eine wesentliche Rolle. Homogene Sand- oder Schlickflächen, die den Gezeitenkräften ausgesetzt sind (z. B. im Wattenmeer), erholen sich relativ schnell, während in strukturierten Lebensräumen mit viel Aufwuchs langfristige Schäden die Folge sind. Auch die anderen Fangmethoden weisen Nachteile auf. So haben etwa kilometerlange Langleinen meist hohe Beifangraten. Reusen und Fallen sind an sich zwar sehr selektiv, Probleme gibt es aber in manchen Regionen mit den Leinen, mit denen die Reusen an Deck gezogen werden. Besonders im Nordatlantik leidet der Glattwal, der sich in diesen Leinen verfangen kann und schlimmstenfalls ertrinkt. Ob eine Fangmethode problematisch ist, hängt letztlich von mehreren Faktoren ab und muss immer in Zusammenhang mit der jeweiligen Zielart und dem Lebensraum gesehen werden.

Aquakultur nur bedingte Lösung

Aquakultur hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Mittlerweile kommt mehr als die Hälfte aller Fisch- und Meeresfrüchteerzeugnisse auf unseren Tellern aus solchen Zuchtbetrieben. Diese können sehr unterschiedlich gestaltet sein. Während beispielsweise Lachs, Wolfsbarsch und Goldbrasse großteils in sogenannten Netzkäfiganlagen im freien Meerwasser produziert werden, wachsen Garnele, Karpfen, Barsch und Welsartige vor allem in Teichen im tropischen Gürtel heran, wo die Temperaturen den Bedürfnissen der jeweiligen Art entsprechen. Hierzulande werden Forelle und Saibling meist in Durchflussanlagen gezüchtet, da sie hohe Ansprüche an frisches Quellwasser stellen. Grundsätzlich ist Aquakultur weder besser noch schlechter als Wildfang einzustufen. Jede Form der Massentierhaltung hat Auswirkungen auf die Umwelt, sofern es sich nicht um ein geschlossenes System handelt. Die Effekte können in gut geführten Betrieben auf ein Minimum reduziert werden. Bei schlechtem Management sind solche Anlagen jedoch keine Entlastung für die Umwelt. So ist etwa seit 1940 die Hälfte der Mangrovenwälder verloren gegangen, wobei 30–50 % davon auf das Konto von Garnelenfarmen gehen. Darüber hinaus spielt der Einsatz von Antibiotika nach wie vor eine große Rolle. Zertifizierungen wie das Bio-Label oder der ASC-Standard haben hier klare Vorgaben und Richtlinien, die den Einsatz von Antibiotika reglementieren und jegliche Umwandlung von Primärvegetation ausschließen. Weiters ist zu unterscheiden, ob es sich bei der gezüchteten Art um Raub- oder Friedfische handelt. Denn Raubfische wie der Lachs benötigen im Futter einen gewissen Anteil an Fischmehl und -öl. Dieses wird meist aus wild gefangenen Meeresfischen hergestellt und heizt die Überfischung weiter an. Der Anteil von Fischmehl im Futter hat sich in den vergangenen Jahren jedoch beträchtlich verringert. Heute ist für 1 kg Lachs etwa 1,2 kg Wildfisch nötig. Eine Ausnahme bildet die Bio-Zucht, wo Fischabfälle für das Fischfutter verwertet werden. Friedfische wie der Karpfen kommen ohne Fischmehl aus, die Produktion ist daher wesentlich nachhaltiger und kann als Ideal der heimischen Aquakultur bezeichnet werden.

Aquaponik, Kreislauf- & Offshore-Anlagen - neue Ansätze sind gefragt

Neu sind seit ein paar Jahren sogenannte Aquaponik-Anlagen: Gewächshäuser, in denen Fisch gemeinsam mit pflanzlichen Erzeugnissen produziert wird. Dabei wird das mit Nährstoffen angereicherte Wasser aus der Fischzucht für die Produktion von Gemüse genutzt. So entsteht ein Kreislauf, der kaum zusätzlichen Dünger benötigt. Diese Form der Fischzucht hat keine Auswirkung auf die Umwelt, da jegliches Abwasser über den Pflanzenfilter gereinigt wird. Ähnlich verhält es sich bei sogenannten Kreislaufanlagen, bei denen die Produktion ausschließlich auf den jeweiligen Fisch bzw. die Meeresfrucht abzielt. In Österreich werden in solchen Anlagen zum Beispiel Garnelen erzeugt (siehe Seite 10–11). Aus Nachhaltigkeitssicht sind diese Systeme absolut empfehlenswert, sofern sie energieautark in einem geschlossenen Kreislauf arbeiten. Dabei ist relevant, dass sämtliche Abwässer gefiltert und gereinigt werden. Im Bereich der marinen Aquakultur werden zunehmend Systeme getestet, bei denen Fisch auf hoher See in sogenannten Offshore-Anlagen produziert wird. Im Gegensatz zur Küstennähe soll es dort aufgrund der starken Verdünnung weniger Probleme mit Parasiten oder anderen Krankheitserregern geben. Besonders für Zweige wie die Lachsindustrie, die unter anderem mit der Lachslaus zu kämpfen hat, ist das interessant. Darüber hinaus gibt es Bestrebungen, an Land geschlossene Kreislaufanlagen in Meeresnähe zu errichten. Das ist zwar wesentlich teurer als die gängigen Netzkäfige im Meer, ermöglicht aber ein wesentlich besseres Management der Fischgesundheit – mit dem Vorteil reduzierter Umweltauswirkungen.

Besser nachhaltig

Meere und Fischbestände sind für den Lebensunterhalt von Küstengemeinden und Fischereien von entscheidender Bedeutung. Rund 56 Mio. Menschen sind im Primärsektor der Fischerei und Aquakultur tätig. Darüber hinaus verdienen weitere Millionen ihren Lebensunterhalt in der Verarbeitung und im Handel mit Fisch. Leere Meere bedeuten somit leere Mägen und leere Taschen. Der Konsum von nachhaltig gefangenem Fisch ist eine wirkungsvolle Gegenmaßnahme. Nachhaltige Aquakultur hilft zusätzlich, den Druck auf Wildbestände zu reduzieren und natürliche Lebensräume zu erhalten. Mit einem bewussten Einkauf und Konsum kann jede Person einen Beitrag zum Schutz der Wasserwelt leisten.

Praxistipps für den Einkauf

Der jährlich aktualisierte WWF-Fischratgeber unterstützt mit einem einfachen Ampelsystem und Hintergrundinfos bei der Kaufentscheidung. Der Zustand der Fischbestände, die Umweltauswirkungen sowie das Management von Fischereien und Aquakulturen weltweit sind dabei maßgebliche Kriterien. Das Wichtigste zusammengefasst:

  • Bevorzugt Fisch kaufen, der im Fischratgeber als „gute Wahl“ (grün) eingestuft ist.
  • Bevorzugt heimischen Bio-Fisch kaufen. Aus Klimaschutzperspektive schlägt der kurze Transport mit weniger CO2-Emissionen zu Buche.
  • Bei Wildfang kleinere Fische wie Makrele, Sardine oder Hering wählen, statt großer Raubfische wie Schwertfisch oder Hai.
  • Bei Fisch aus Aquakultur Friedfische wie den Karpfen wählen; oder solche Arten, die nur wenig oder kein Fischmehl im Futter brauchen (z. B. Wels, Pangasius, Tilapia).
  • Allzu häufigen Konsum von gezüchtetem Raubfisch (z. B. Goldbrasse/Dorade, Wolfsbarsch/Branzino) vermeiden, da dieser durch sein Futter den Druck auf Wildbestände erhöhen kann.
  • Zertifizierte Produkte kaufen und Fisch bewusst als nicht alltägliche Delikatesse genießen.

Fazit

Wie Fisch nachhaltig produziert werden kann, ist komplex und vielschichtig. Neben Fang- und Zuchtmethoden, die erhebliche ökologische Auswirkungen haben können, gibt es innovative Ansätze, die einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Fischkonsum ermöglichen. Eine bewusste Auswahl für zertifizierte Produkte kann dazu beitragen, die Meere zu schützen und gleichzeitig den Genuss zu bewahren.

Literaturverzeichnis

Ogunsowo G et al.: Fish Catching - Methods oft he World. 4. Auflage (2007).

Thünen Institut: Fanggeräte – Übersicht. https://www.fischbestaende-online.de/fanggeraete (Zugriff: 19.08.2024).

WWF: Fischereimethoden. https://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/fischerei/ueberfischung/fischereimethoden (Zugriff: 19.08.2024).

WWF: Nachhaltige Fischerei. https://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/fischerei/nachhaltige-fischerei (Zugriff: 19.08.2024).

WWF: Überfischung. https://www.wwf.at/artikel/ueberfischung/https://www.wwf.at/artikel/ueberfischung/ (Zugriff: 19.08.2024).