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Ernährungskommunikation: Reaktanz vorbeugen

Warum Menschen unterschiedlich reaktant reagieren, was man dagegen tun kann und warum das in der Gesundheitskommunikation wichtig ist, haben wir mit dem Kommunikationswissenschafter Matthias R. Hastall besprochen.

Interview

ernährung heute: Wieso sind Menschen unterschiedlich reaktant?

Hastall: Die Gründe dafür sind eine komplexe Kombination angeborener und erlernter Faktoren. Zudem gibt es Lebensphasen, in denen Menschen besonders „widerspenstig“ sind, etwa um den zweiten Geburtstag oder in der Pubertät. Das sind Lebensabschnitte, in denen wir uns stärker als eigenständige Individuen wahrnehmen und mehr Wert auf Autonomie legen. Zudem leben wir aktuell in einer Phase des verstärkten gesellschaftlichen und ökologischen Wandels, in dem neue Vorschriften, Verbote oder Einschränkungen regelmäßig diskutiert werden. So etwas sensibilisiert stark hinsichtlich des Werts der eigenen Freiheit, die dann dementsprechend verteidigt wird.

Wie verhält es sich beim Thema Alkohol?

Viele Menschen leben in einem sozialen Umfeld, in dem Alkoholkonsum gängig ist und man sich eher rechtfertigen muss, wenn man abstinent bleiben möchte. Der soziale Druck kann groß werden, genauso wie die Gefahren der sozialen Ausgrenzung und des Verlusts von Freunden. Alkohol ist zudem ein Statussymbol, und die Umwelt spielt mit: Alkohol ist fast überall verfügbar und wird suggestiv beworben. All diese Punkte erschweren die unvoreingenommene Auseinandersetzung mit möglichen Konsequenzen des eigenen Konsumverhaltens. Denn sowohl der Prozess einer solchen Auseinandersetzung als auch dessen Ergebnis können stark bedrohlich sowohl für das emotionale Wohlbefinden als auch das Selbstwertgefühl sein – deswegen kommt es zu Abwehrreaktionen wie Reaktanz.

Wie kann man die Entstehung von Reaktanz vermeiden?

Da die Wahrscheinlichkeit und Intensität stark von der Kommunikation abhängen, lässt sich hier viel beeinflussen. Je direkter eine Aufforderung ist, je umfassender die Freiheitseinschränkung dargestellt wird und je „manipulativer“ argumentiert wird – etwa durch Furcht- oder Moral-Appelle –, desto mehr Abwehr ist zu erwarten. Bereits die Verwendung eines Ausrufezeichens kann Reaktanz provozieren. Grundsätzlich sollte Kommunikation daher möglichst abwehrsensibel angelegt sein. Es gilt, die Autonomie des Gegenübers zu respektieren und das gegebenenfalls auch zu betonen. Im Idealfall möchte man nicht überzeugen, sondern mit Informationen statt Belehrungen oder Vorwürfen eine Entscheidungsfindung fördern, deren Ergebnis ohne negative Wertungen respektiert wird. Erfolgt ein Gespräch wertschätzend und auf Augenhöhe, mit einem echten Interesse am Gegenüber und dessen individuellen Präferenzen sowie Barrieren, ist bereits viel erreicht. Darüber hinaus gibt es jedoch auch Strategien wie Nudging, bei denen Personen oft nicht bemerken, dass sie gerade überzeugt werden. Das minimiert Abwehrreaktionen, wirft aber ethische Fragen auf (vgl. Thema Ernährungspolitik, ernährung heute 2_2023, Anm. d. Red.).

Gibt es weniger Abwehrreaktionen, wenn eine Empfehlung von offiziellen Gesellschaften kommt?

Der Urheber ist oft weniger relevant als die Botschaft, aber es gibt natürlich Ausnahmen: Menschen spüren, wenn in einer Situation Abwehr in ihnen aufsteigt, aber eine verärgerte Reaktion kontraproduktiv wäre – etwa bei gerechtfertigten Aufforderungen Vorgesetzter, verunglückten Bitten sympathischer Personen oder Aufklärungen beim Arzt. In Situationen, in denen ein Losschimpfen eine wichtige soziale Beziehung gefährden würde oder anderweitig stark nachteilig wäre, versuchen wir Abwehrreaktionen zu kontrollieren. Dennoch kommen Empfehlungen idealerweise aus einer Quelle, der vertraut wird, die vielleicht sogar sympathisch ist – und die abwehrsensibel kommuniziert.

Was kann man in der Gesundheitskommunikation verbessern?

Sehr viel. Fachkräfte im Bereich der Gesundheitskommunikation sollten zumindest über ein Grundlagenwissen verfügen, welche kommunikativen Ausgestaltungsmöglichkeiten es gibt, wie die Evidenzlage dazu aussieht, und entsprechend agieren. Mir ist völlig bewusst, dass dieser Satz bei der angesprochenen Gruppe Reaktanz auslösen kann und vielleicht – noch – zu viel verlangt ist. Ich halte diese Forderung dennoch für ethisch geboten.

Zur Person

Prof. Dr. Matthias R. Hastall forscht seit vielen Jahren auf den Fachgebieten der Gesundheits- und Teilhabekommunikation an der Technischen Universität Dortmund.