Mythen rund um Alkohol
Fördert Schnaps die Verdauung?
Nein. Wer sich nach einem ausgiebigen Essen einen „Kurzen“ genehmigt, tut sich nur scheinbar etwas Gutes, denn Hochprozentiges verlangsamt die Verdauung sogar. Der Körper ist primär mit dem Alkoholabbau beschäftigt, die Verdauung im Magen wird verzögert und der Weitertransport der Nahrung in den Dünndarm gehemmt. Hochprozentiger Alkohol vermittelt dennoch ein wohliges und entspannendes Gefühl nach einem deftigen Essen. Der Grund: Alkohol erweitert die Blutgefäße und übt eine entspannende Wirkung auf die Muskelzellen aus. Da der Magen ein Muskel „par excellence“ ist, entspannt er sich, das unangenehme Völlegefühl wird dadurch weniger und ein trügerisches Gefühl der Erleichterung setzt ein. Um die Verdauung tatsächlich zu unterstützen, wäre eine Tasse Tee, Kaffee oder ein kleiner Verdauungsspaziergang besser geeignet.
[Heinrich et al., 2010; Chari et al., 1993]
Macht Bier einen Bierbauch?
Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und viszeralem Fettgewebe bei Männern. Als möglichen zugrundeliegenden Mechanismus diskutierte bereits die Framingham Heart Studie aus dem Jahr 2009 die Entwicklung einer Fettleber infolge übermäßigen Alkoholkonsums. Diese kann zu Insulinresistenz führen und damit die Gewichtszunahme begünstigen. Ein direkter Zusammenhang zwischen Bierkonsum und einem sogenannten „Bierbauch“ wurde bislang jedoch nicht eindeutig nachgewiesen. Eine wahrscheinliche Erklärung für den Bauchzuwachs können die zusätzlichen Kalorien sein, die mit dem Alkoholkonsum aufgenommen werden – unabhängig ob Bier, Wein oder Schnaps. Denn Alkohol liefert mit 7 kcal/g mehr Energie als Kohlenhydrate wie Zucker und Protein, die 4 kcal/g haben. Nur Fett schlägt mit 9 kcal/g noch kalorienreicher zu Buche als Alkohol. Zudem kurbelt Alkoholkonsum die Synthese von Fettsäuren an. Wo sich Fett im Körper ansammelt, hängt allerdings nicht allein von der Kalorienbilanz ab. Auch genetische Veranlagung, Alter und hormonelle Einflüsse spielen eine Rolle. Insgesamt entsteht Bauchfett daher weniger durch ein einzelnes Getränk als durch das Zusammenspiel verschiedener Lebensstilfaktoren. Wer sich ausgewogen ernährt, regelmäßig bewegt, nicht raucht und Alkohol nur in Maßen konsumiert, hat bessere Chancen, viszerales Fett im Zaum zu halten.
[Bendsen et al., 2013; Elmadfa, 2019; Molenaar et al., 2009; Schütze et al., 2009; Strazzullo et al., 2003]
Funktioniert das Reparaturseidel?
Nur scheinbar. Katersymptome ähneln einem milden Alkoholentzug: Zittern, Schwitzen, innere Unruhe oder Übelkeit entstehen, wenn das Nervensystem nach dem Absinken des Alkoholspiegels in eine Art „Übererregung“ gerät. Neuer Alkohol wirkt erneut dämpfend und kann diese Beschwerden kurzfristig abschwächen. Man fühlt sich für eine Weile ruhiger. Die Ursachen des Katers werden dadurch jedoch nicht behoben, sondern lediglich hinausgezögert.
Frühere Theorien führten den beruhigenden Effekt des Reperaturseidels auf die Verlangsamung des Methanolabbaus zurück. Das ist ein Begleitalkohol, der zu den toxischen Stoffwechselprodukten Formaldehyd und Ameisensäure abgebaut wird und langsamer verstoffwechselt wird als Ethanol. Das „Aufwärmen“ würde dazu führen, vorerst wieder Ethanol zu verstoffwechseln. Neuere Studien finden jedoch keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Methanolspiegeln und der Schwere des Katers.
Es lässt sich also nicht mit Sicherheit sagen, was den Effekt des Reparaturseidels ausmacht, klar ist aber: Es ist keine Therapie, sondern eher eine kurzfristige Verschiebung der Beschwerden.
[BfR, 2024; Mackus et al., 2017, Merlo et al., 2017, Rohsenow et al., 2010; Swift & Davidson, 1998]
Hilft Glühwein gegen Kälte?
Nein – im Gegenteil. Durch die gefäßerweiternde Wirkung von Alkohol fließt Wärme vom Körperinneren zu den Extremitäten und kann so die Kerntemperatur sogar senken. In milder Kälte und bei moderaten Dosen scheint dieser Effekt jedoch klein zu sein. Das liegt möglicherweise an der kälteinduzierten Gefäßverengung – ein ausgleichender Effekt. Was bei stärkerer Kälte oder längerer Exposition jedoch hinzukommt: Neben der Gefäßerweiterung hemmt Alkohol auch das Kältezittern, was das Auskühlen verstärkt. Zudem sinkt das Kälteempfinden, wodurch man mitunter zu lange draußen bleibt oder sich zu dünn anzieht.
Bei Glühwein gibt es zudem den Mythos, dass er schneller betrunken macht. Tatsächlich führt warmer Alkohol zwar zu einer stärkeren Gefäßerweiterung und damit zu einer intensiveren Wahrnehmung der Alkoholwirkung, etwa Wärmegefühl, Hautrötung und schnellerem Herzschlag. Der Alkoholspiegel steigt dadurch jedoch nicht schneller an. Entscheidend ist vor allem wie schnell der Alkohol in den Dünndarm gelangt, wo er abschließend absorbiert wird – und das bleibt von der Temperatur des Getränkes unbeeinflusst. Auch Zucker sorgt nicht für eine schnellere Alkoholisierung. Er kann jedoch Herzfrequenz und Gefäßerweiterung zusätzlich steigern. Dadurch fühlt man sich unter Umständen schneller oder intensiver „angetrunken“, auch wenn der messbare Blutalkoholspiegel nicht rascher ansteigt.
[Bachmayer et al., 2023; Freund et al., 1994; Morris et al., 2024; Sarafian et al., 2018; Yoda et al., 2008]
Literaturverzeichnis
Bachmayer S, Strizek J, Uhl A: Handbuch Alkohol – Österreich. Band 1 – Statistiken und Berechnungsgrundlagen. Datenjahr 2023. Wien: Gesundheit Österreich (2025).
Bendsen NT et al.: Is beer consumption related to measures of abdominal and general obesity? A systematic review and meta-analysis. Nutr Rev. 71(2): 67-87 (2013).
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Unerwünschtes Nebenprodukt in Spirituosen: Methanol (Stand: 14.10.2024) https://www.bfr.bund.de/fragen-und-antworten/thema/unerwuenschtes-nebenprodukt-in-spirituosen-methanol/ (Zugriff: 23.01.2026).
Chari S, Teyssen S, Singer MV: Alcohol and gastric acid secretion in humans. Gut 34: 843–847 (1993).
Elmadfa I: Ernährungslehre. 4. Auflage, Stuttgart, Ulmer Verlag (2019).
Heinrich H et al.: Effect on gastric function ans dymptoms of drinking wine, black tea, or schnaps with a Swiss cheese fondue: randomised controlled crossover trial. Brit Med J 341 (2010).
Mackus M et al: Urine methanol concentration and alcohol hangover severity. Alcohol. 59: 37-41 (2017).
Merlo A et al.: Proceeding of the 9th Alcohol Hangover Research Group Meeting. Curr Drug Abuse Rev. 10 (1): 68-75 (2017).
Molenaar EA et al.: Association of lifestyle factors with abdominal subcutaneous and visceral adiposity: the Framingham Heart Study. Diabetes Care 32(3): 505-510 (2009).
Morris NB et al.: The effect of alcohol consumption on human physiological and perceptual responses to heat stress: a systematic scoping review. Environ Health. 23(1): 73 (2024).
Rohsenow DJ et al.: Intoxication with bourbon versus vodka: effects on hangover, sleep, and next-day neurocognitive performance in young adults. Alcohol Clin Exp Res. 34(3): 509-18 (2010).
Sarafian D, Maufrais C, Montani JP: Early and Late Cardiovascular and Metabolic Responses to Mixed Wine: Effect of Drink Temperature. Front. Physiol. 26(9): 1334 (2018).
Schütze M et al.: Beer consumption and the beer belly: scientific basis or common belief? European Journal of Clinical Nutrition 63(9): 1143-1149 (2009).
Strazzullo P et al.: Genetic variation in the renin-angiotensin-system and abdominal adiposity in men: the Olivetti Prospective Heart Study. Ann Intern Med 138(1): 17-23 (2003).
Swift R, Davidson D: Alcohol hangover: mechanisms and mediators. Alcohol Health Res World. 22(1): 54-60 (1998).
Yoda T et al.: Effects of alcohol on autonomic responses and thermal sensation during cold exposure in humans. Alcohol. 42(3): 207-12 (2008).
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