29.03.2021 von Dr. Carina Kern

Fleischkonsum in Diskussion

In der öffentlichen Debatte steht der hohe Fleischkonsum zunehmend in der Kritik, denn er soll Tier, Mensch wie Umwelt belasten. Warum wir den Konsum tierischer Produkte reduzieren müssen, welche Vorteile sich daraus ergeben und welche Maßnahmen es dazu braucht, veranschaulicht der „Fleischatlas“ der Heinrich-Böll-Stiftung.

Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel zu verbreiten, das ist das Ziel der Fleischatlanten der Heinrich-Böll-Stiftung Deutschland. 2013 erschien die erste Ausgabe des Fleischatlas. Seither widmet er sich den ökologischen und sozialen Folgen des hohen Fleischverzehrs. Die fünfte und aktuellste Ausgabe geht zudem der Frage nach, wie sich junge Erwachsene zum Fleischkonsum positionieren. Für die Herausgeber steht fest: Aus vielen Gründen braucht es dringend eine Fleischwende.

Globaler Fleischverzehr steigt

Durch das steigende Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum steigt auch die globale Nachfrage nach Fleisch kontinuierlich an. In den vergangenen 20 Jahren hat sich der weltweite Verzehr von Fleisch mehr als verdoppelt: 2018 waren es rund 320 Mio. t. Dabei ist eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Während der Fleischverbrauch in Schwellenländern mit zunehmendem Wohlstand zunimmt, stagniert er in den Industrieländern oder ist leicht rückläufig. Bis 2022 sollen rund 80 % des Wachstums im Fleischsektor auf zumeist asiatische Länder entfallen – der größte Teil davon auf die neuen Mittelschichten in China und Indien. Dagegen geht der Fleischkonsum in Ländern wie Österreichtendenziell zurück: Wurden 2007 hierzulande noch 66,8 kg pro Kopf und Jahr verspeist, waren es 2019 nur mehr 62,6 kg. Dabei gibt es je nach Fleischart große Unterschiede: Der Genuss von Schweinefleisch nimmt ab, jener von Geflügel zu.

Gesundheit und Umwelt profitieren

Was den Fleischkonsum betrifft, stimmen die gesundheitlichen und ökologischen Empfehlungen überein: ungefähr 30 kg Fleisch pro Kopf und Jahr. Das wäre rund die Hälfte der bei uns aktuell verzehrten Menge und für eine ausgewogene Ernährung ausreichend. Gleichzeitig würden die Treibhausgasemissionen und der Flächenverbrauch für die Nutztierhaltung deutlich reduziert werden. Mit durchschnittlich 1 kg Fleisch und Wurstwaren pro Woche überschreiten vor allem Männer die wöchentlich empfohlene Menge von 300 bis 600 g Fleisch. (Abb.).

Abb.: Auswirkungen eines halbierten Fleischverzehrs auf Emissionsausstoß und Haltungsflächen.

 Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung „Der Fleischatlas 2021“. 

Jüngere Generation verzichtet eher auf Fleisch

Die Folgen des hohen Fleischkonsums werden insbesondere jüngeren Verbrauchern immer bewusster. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Heinrich Böll-Stiftung zeigt, dass mehr als 70 % der Frauen und Männer im Alter zwischen 15 und 29 Jahren eine ökologischere Fleischproduktion wünschen. Insgesamt ist der Anteil an Vegetariern und Veganern in dieser Gruppe mit rund 13 % ungefähr doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Als Hauptgründe für den Fleischverzicht geben sie die Auswirkungen der Treibhausgasemissionen auf das Klima und die schlechten Bedingungen in der Nutztierhaltung an. Die sich vegan und vegetarisch ernährenden Menschen setzen sich vermehrt für Nachhaltigkeitsthemen wie Lebensmittelverschwendung und Tierwohl ein. 

Vorteile für Tierwohl

Gute Tierhaltungspraktiken könnten den derzeitigen Klimafußabdruck des Viehbestands um mehr als die Hälfte verringern, so die Autoren des Fleischatlas. Der Großteil des Fleisches kommt aus Stallhaltung oder der Haltung aus sogenannten „Feedlots“, in denen die Tiere im Freien auf ähnlich kleiner Fläche gehalten werden. Die konzentrierte Haltung in großer Zahl erfordert mehr Futtermittel aus Getreide oder Ölsaaten. Das wiederum bedeutet, dass Landflächen wie Wälder oder Wiesen in Äcker umgewandelt werden. Zudem ist die enge Form der Haltung nicht tierartgerecht und begünstigt Infektionen.

Der gesellschaftliche Wunsch nach einer klima- und umweltfreundlichen sowie artgerechten Tierhaltung erfordert weitreichende politische Maßnahmen. An vielen Stellen reichen die gesetzlichen Vorschriften jedoch nicht aus, um Tierhaltung deutlich stärker am Tierwohl auszurichten. Problematisch seien der internationale Preisdruck und das „Billigfleisch“ aus dem Ausland, das Kleinbetriebe dazu zwingt, günstiger zu produzieren. Zugleich kaufen Konsumenten vorwiegend die preiswertesten Produkte im Supermarktregal. Das macht es den Bäuerinnen schwer, auf die gleichzeitig gestiegenen nationalen Anforderungen nach mehr Umweltschutz und mehr Tierwohl zu reagieren. Der Ausbau in tierartgerechte Stallungen ist somit für viele (Klein)Bauern nicht rentabel. Hier brauche es einen Umbau der europäischen Agrarsubventionen.

Wissenswert

Laut Umfragen ist für 80 % der Menschen in Österreich artgerechte Tierhaltung wichtig. Doch an der Supermarktkasse spiegelt sich das nicht wider. Warum  mehr "Wohlfühl-Tierhaltung" gefordert, aber nicht gekauft wird, wie es um die politische Verantwortung steht und welche Lösungen es für diese Diskrepanzen gibt, haben wir mit anerkannten Experten beim f.eh-Mediendialog "Tierwohl zwischen Wunsch und Wirklichkeit" diskutiert. Lesen Sie hier mehr dazu.

Zum Schutz von Lebensräumen

Um Tierwohl zu fördern, setzen seit einiger Zeit viele landwirtschaftliche Betriebe vermehrt auf Weidehaltung. Die Vorteile: Durch die Bewegungsfreiheit im Freien werden Klauen, Gelenke und Beine geschont, Infektionen vorgebeugt und das artgerechte Verhalten der Tiere gefördert. Bei der „adaptiven Mehrweidehaltung“ beispielsweise kann das Vieh zwischen abgegrenzten Weideflächen wechseln. Dieser Modus verhindert Überweidung, fördert das Wachstum von Futtermitteln zwischen den Weidezyklen und ahmt die natürliche Bewegung von Weidetieren nach. Dadurch wird die Biodiversität gestärkt, denn je mehr Wälder für Futtermittel gerodet werden, desto mehr werden natürliche Lebensräume zerstört und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verdrängt. Das beeinflusst wiederum das Klima: Gehen Pflanzenarten verloren oder sterben aus, kann CO2 beispielsweise nicht mehr ausreichend gefiltert werden und gelangt so verstärkt in die Atmosphäre.

Die Erkenntnisse auf einen Blick

Neben den gesundheitlichen Aspekten für Mensch, Tier und Umwelt beleuchtet der Fleischatlas in 19 Kapiteln und 51 Infografiken zusätzliche Aspekte, die mit dem Fleischkonsum unmittelbar in Verbindung stehen. Darunter die Rolle des Handels und der globalen Konzerne, der Einsatz von Pestiziden und Antibiotika, der Klimawandel sowie lebensmittelbedingte Zoonosen und die Zukunft von Fleischersatzprodukten. Die Autoren fassen die Lage wie folgt zusammen:

  • Das Klima und die biologische Vielfalt können nur geschützt werden, wenn der Fleischkonsum halbiert wird.
  • Großflächige Rodungen zerstören langfristig Lebensräume und verdrängen Tier- und Pflanzenarten.
  • Die Landwirtschaft durchlebt einen grundlegenden Strukturwandel hinsichtlich weniger, dafür größer werdenden Betriebe.
  • Durch den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung entstehen resistente Keime, die für kranke Menschen lebensbedrohlich sein können.
  • Weltweit steigt die Verwendung von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, deren Rückstände Boden und Grundwasser belasten.
  • Die größten Fleisch- und Milchkonzerne emittieren zusammen annährend so viele Treibhausgase wie die größten Ölkonzerne auf der Welt.
  • Jüngere Menschen ernähren sich doppelt so häufig vegan oder vegetarisch wie der Durchschnitt der Bevölkerung.
  • Immer mehr Menschen greifen auf Fleischersatzprodukte wie Seitan und Soja zurück.
  • Weltklima- und der Weltbiodiversitätsrat empfehlen deutlich stärkere Interventionen vonseiten der Politik.

Wissenswert

Seit mehreren Jahren gibt die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Atlanten zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen heraus, die Wissen in kompakter Form vermitteln sollen. Neben dem Fleischatlas werden Atlanten zu weiteren Themen, wie Plastik, Landwirtschaft, Insekten und Boden, erstellt. Den Fleischatlas 2021 sowie alle bisher erschienenen Atlanten gibt es in mehreren Sprachen hier zum Download.

Fazit

Die Fleischatlanten informieren über die ökologischen sowie sozialen Folgen des weltweit steigenden Fleischkonsums. Die Herausgeber rufen dazu auf, den Fleischverzehr zumindest zu halbieren. Wenn es um die Verantwortung geht, die Weichen für einen nachhaltigen Fleischkonsum zu stellen, ist jeder Einzelne gefragt. Auch wenn letztendlich individuelle Lebensstile und Konsumentscheidungen zählen, werden diese durch die richtigen Anreize und Maßnahmen von Wirtschaft und Politik ermöglicht.

Literatur

Heinrich-Böll-Stiftung: Politik muss Fleischwende jetzt einleiten. Pressemitteilung vom 06.01.2021.  
Heinrich-Böll-Stiftung: Der Fleischatlas 2021. 1. Auflage (2021).   
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Weniger Fleisch auf dem Teller schont das Klima. www.dge.de (Zugriff: 17.03.2021).
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE. www.dge.de (Zugriff: 17.03.2021).

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