
Einfach zu komplex?
Komplexität gehört zum modernen Ernährungssystem dazu und steht daher im Zentrum dieser Ausgabe. Details gibt es unten im Inhaltsverzeichnis.
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Editorial
Bei unserem virtuellen Symposium Anfang Oktober 2020 zum Thema „Einfach zu komplex? Vom Charme simpler Lösungen und unbewussten Folgen des Essens“ haben hochkarätige Persönlichkeiten über die Vielschichtigkeit des Ernährungssystems, seine zahlreichen Wechselwirkungen, die damit verbundenen Herausforderungen und mögliche Lösungen diskutiert. Lesen Sie nun in dieser Ausgabe die Zusammenfassungen der einzelnen Vorträge.
Wesentlich beim Umgang mit Komplexität ist, die fehlende Vorhersagbarkeit zu akzeptieren, sich anzupassen und sozusagen auf Sicht zu fahren – wie bei Nebel. Denn bei vielschichtigen Systemen lassen sich weder Detailprognosen erstellen, noch sind sie gezielt zu steuern. Aufgrund der zahlreich verwobenen Interdependenzen können einzelne Eingriffe möglicherweise auch ungewollte Auswirkungen auf andere Teile des Systems haben. Es kann also zu unerwarteten Rückkopplungseffekten kommen. Das trifft auch auf Maßnahmen zur Lenkung des Essverhaltens zu. Als Beispiel wurde Labeling punkto Nährwerte, Klima oder Tierwohl diskutiert. Zwar können durch gesteigerte Transparenz möglicherweise Entscheidungen erleichtert werden, inwieweit sich dadurch die Ernährungsgewohnheiten ändern, lässt sich jedoch nicht vorhersagen. Rolf Jucker, Geschäftsleiter der Stiftung SILVIVA, warnte vor einer drohenden Entmündigung der Menschen. Viel eher sollte mit Labels erreicht werden, dass Konsumenten selbständig komplexe Entscheidungsprozesse durchspielen und diese als Anregung für eine kritische Reflexion sehen. Dazu müssten die Bildungsprozesse derart gefördert werden, dass Kinder und Erwachsene Verabsolutierungsversuche durchschauen – und erkennen, dass diese nicht der Realität entsprechen. Lösungen liegen demnach auch bei einer umfassenden, lebenslangen Ernährungsbildung. Claudia Angele vom Department für Ernährungswissenschaften an der Uni Wien warnte in diesem Zusammenhang vor Tendenzen zu Simplifizierungen im schulischen Kontext und plädierte für die Ausbildung einer wissensbasierten Urteilskompetenz für eine reflektierte und verantwortungsvolle Lebensführung. Dabei hat sich die Methode der Dilemma Diskussion als probates Mittel erwiesen (siehe ab Seite 10). Klingt alles mühsam? Aus Sicht der Forschung, Philosophie und Theologie ist Komplexität das zentrale Geheimnis von Gesundheit und Lebensfreude. In diesem Sinne gehört sie umarmt! Lernen wir mit ihr zu arbeiten – statt gegen sie.
Herzlichst!
Inhalt
Das Gute essen
Vor nicht allzu langer Zeit galt noch das Sprichwort: „Beim Essen wird nicht politisiert.“ Das Konfliktuelle des Themas Politik schien die erforderliche Harmonie und Ruhe bei der gemeinsamen Mahlzeit zu stören. Heute dagegen verhält es sich genau umgekehrt. Das Essen ist zu einem der bevorzugten Schauplätze und Austragungsorte von Überzeugungen, darunter auch politischen, geworden.
Essen als Ersatzreligion?
Um dieses hochspannende Thema beleuchten zu können, möchte ich zunächst den Begriff der VUCA–Welt näher erläutern: Dadurch soll es möglich werden, das Thema in einem größeren Ganzen zu betrachten.
Was Trendforschung ausmacht
Trendforschung besteht im Wesentlichen darin, „schwache Signale“, die am Beginn jeder Trendentwicklung stehen, erkennen und darin soziokulturelle Verschiebungen lesen zu können und diese in einen übergreifenden Kontext einzuordnen. Deshalb können wir den Wandel der Esskulturen mithilfe von Foodtrends besser verstehen.
Sich trotz Komplexität ein Urteil bilden
Als grundlegendes Ziel von Ernährungsbildung im Rahmen schulischer Allgemeinbildung kann der Erwerb von Nutrition Literacy betrachtet werden. Gemeint ist Ernährungskompetenz im Sinne der Fähigkeit, den eigenen Essalltag und den anderer selbstbestimmt, genussvoll und verantwortungsvoll zu gestalten (Büning-Fesel, 2009).
Umgang mit Risiken
Leben wir in einer immer komplexer werdenden Welt? Im Internet finden sich Millionen Seiten, welche die zunehmende Komplexität beklagen. Dabei bleibt der Begriff auch in wissenschaftlichen Arbeiten häufig nebulös. Er wird zur Ausrede dafür, eh nichts tun zu können. Selten wird auf die Komplexitätsforschung Bezug genommen. Das mag daran liegen, dass diese von der Zumutung ausgeht, dass Komplexität real ist.
Framing
Medien können durch Selektion, Hervorhebung und Weglassen die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte eines Themas lenken. Sie geben daher einen „Rahmen“ (Frame) vor und können dadurch die Einordnung eines Sachverhalts erleichtern. Frames können Rezipienten somit auch Orientierung anbieten. Laut Forschungsliteratur können verschiedene Frames unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema begünstigen. Das wird als Framing-Effekt bezeichnet.
Lost in Translation
In der Corona-Pandemie ist das Thema Ernährung hochaktuell: Im Homeoffice kochen mehr Menschen wieder selbst, sie kaufen häufiger regionale Lebensmittel – lassen sich aber auch mehr fertiges Essen nach Hause liefern. Vor allem im Hinblick auf den Aspekt der Nachhaltigkeit ist Ernährung nicht mehr von der öffentlichen und journalistischen Agenda wegzudenken.
Kurzmeldungen
Medien-Doktor: Ernährung Folgen der Ernährungsweise simulieren Diabetes - Podcast Doc2go Vorsicht bei Diabetes, Alkohol und Sport
Pastinake & Topinambur
Weiß ist manchmal der Winter. Weiß ist auch das Fruchtfleisch zweier Wurzelgemüse, die bei uns im Winter verfügbar sind. Beide schmecken süßlich, beide sind reich am Ballaststoff Inulin und beide haben kulinarisches Potenzial.
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