
Der Wert des Genießens
Die Ausgabe widmet sich dem Thema Genuss – von Philosophie über Psychologie bis zu Tipps für den Alltag. Details gibt es unten im Inhaltsverzeichnis.
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Editorial
Viele Menschen hadern mit dem Genießen. Sie essen unentspannt, und über jedem Bissen schwebt die Frage: Ist das auch gesund? Ob Gluten, Laktose, Fleisch oder Zusatzstoffe – die Liste der Lebensmittel und Inhaltsstoffe, die immer mehr Menschen bewusst vermeiden, ist lang. Wer an einer Allergie oder Unverträglichkeit leidet, hat keine Wahl. Wer aus ethischen Gründen verzichtet, fühlt sich damit wohler. Vielfach wirkt jedoch ein gesellschaftlicher Imperativ, der dort greift, wo andere sinnstiftende Werte fehlen. Dann bestimmt die Moral den Lebensstil. Ernährung, Bewegung oder das Seelenleben werden funktional und rational optimiert, in der Hoffnung, gesünder, schlanker und schöner zu werden. Wer sich dennoch etwas gönnt, hat ein schlechtes Gewissen und „sündigt“, statt zu genießen.
Dabei lautet die Antwort auf die Frage nach dem Gesunden fast immer: Es kommt darauf an, häufig auf die Menge. Genuss steht schon deshalb nicht im Widerspruch zu einem gesundheitsförderlichen Essverhalten, weil es nicht um maßloses Konsumieren geht, sondern um die Konzentration aufs Wesentliche: mit geschärfter Aufmerksamkeit den Sinnen nachspüren, sich Zeit nehmen, gut für sich sorgen und das nötige Wissen für ein gutes Gewissen aufbauen. Genuss bleibt dabei eine Gratwanderung. Im Wein steckt Alkohol, in der Lasagne reichlich Fett und in der Mohnschnecke zudem Zucker. Wer hinschmeckt, sein Maß findet, auf eine kulinarische Bibliothek im Kopf zurückgreifen kann und weiß, wie Lebensmittel entstehen, löst sich von idealisierten Bildern und rigiden inneren Vorschriften. Kurz: Wer kulinarische Intelligenz aufbaut, bewegt sich entspannt in der Fülle des Angebots.
Genussfähigkeit gehört damit zum reifen Erwachsensein. Sie ist eine gesellschaftliche Ressource und eine Kulturtechnik wie Bildung oder Mobilität. Gelernt wird sie idealerweise früh und über die Sinne: Geruch und Geschmack werden emotional gefärbt, und gemeinsame Esserfahrungen prägen nachhaltig. Essenlernen bedeutet zudem weit mehr, als gute Gewohnheiten zu etablieren. Es umfasst auch die gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Dimensionen des Essens und wird nicht nur zuhause, sondern auch über die Verpflegung in Kindergarten und Schule vermittelt. Weil Kultur mitbestimmt, was und wie wir essen, ist kulinarische Bildung keine reine Privatsache, sondern eine Schlüsselqualifikation für alle. Esskultur und kulinarische Kompetenz liegen damit in gesellschaftlicher wie individueller Verantwortung. Wo beide gepflegt werden, gehen Freude am Essen und Gesundheit zusammen.
Nur Mut zum Genuss!
Inhalt
Genießen als Akt der Mündigkeit
Wovon reden wir eigentlich, wenn wir von Genuss reden? Meistens von dem, was wir uns verbieten oder was uns verboten wird. Der Philosoph Robert Pfaller spricht mit uns über das gute Leben jenseits von Gesundheits- und Longevity-Fanatismus – und darüber, warum die Ernährungsmedizin längst auf seiner Seite ist.
„Genuss und Selbstkontrolle sind keine Gegensätze“
Genießen ist kein Zufall, sondern ein komplexes neurobiologisches Geschehen. Was passiert dabei mit uns? Und wie wirkt sich das auf unser Wohlbefinden aus? Wir haben bei der Psychologin Katharina Bernecker nachgefragt.
„Hochverarbeitete“ Gaumenfreude?
In der Debatte um „hochverarbeitete“ Lebensmittel wird oft unterstellt, dass industrielle Verarbeitung unkontrolliertes Essen und damit Gesundheitsrisiken fördert. Tatsächlich hängt das Essverhalten weniger vom Verarbeitungsgrad ab, sondern mehr von Eigenschaften des Lebensmittels, sowie individuellen und situativen Faktoren.
Von kleinen Genussmenschen
Genuss beim Essen ist weder elitär, noch hat er mit Perfektion zu tun. Man kann lernen, ihn bewusst zu erleben, idealerweise von klein auf. Ob zuhause, in der Schule, auf Bauernhöfen, in Imkereien oder am Erdbeerfeld – den Möglichkeiten sind fast keine Grenzen gesetzt.
Hedonisches Potenzial
Genießen bietet enormes Potenzial und steht doch oft im Hintergrund. Wir haben vier Expertinnen aus Ernährungspolitik, Ernährungsbildung, Diätologie und Psychotherapie gefragt, welche Rolle es in ihrem Bereich spielt.
„Süßpräferenz ist stabiler als angenommen“
Die Vorliebe für süßen Geschmack ist evolutionär bedingt, denn Süße steht für energiereiche, sichere Lebensmittel. Aber lässt sich diese Vorliebe beeinflussen? Das klären wir im Gespräch mit der Sensorikerin Barbara Lieder.
f.eh-Genusstipps
Genießen lässt sich nicht erzwingen – aber trainieren. Was das im Alltag bedeutet, zeigt unsere kleine Anleitung.
Vom Projekttag zur nachhaltigen Schulverpflegung
Nachhaltige und gesunde Ernährung als fester Bestandteil des Schulalltags wirkt sich positiv auf Gesundheit, Umwelt und schulischen Erfolg aus. Doch inwieweit wird das in Österreichs Schulen thematisiert? Und was braucht es für die Umsetzung im Unterricht?
Der Drucker als Küchenwerkzeug?
Schokolade oder Gemüse aus dem Drucker – das ist längst keine Science-Fiction mehr. Der 3D-Druck von Lebensmitteln hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einer nutzbaren Technologie entwickelt. Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Formen, sondern auch darum, Nahrung individuell anzupassen.
Es grünt so grün – Matcha
Hierzulande kennt man ihn vorwiegend als Matcha Latte aus dem Kühlregal oder Coffeeshop, seltener bekommt man ihn im traditionellen Kaffeehaus. Das leuchtend grüne, fein aufgeschäumte Getränk ist trendy. Aber was steckt dahinter?
Sin Taxes: Zwischen Public Health und Bevormundung
Lenkungssteuern sollen das Verhalten ändern und das Budget entlasten. Doch wie ist es einzuschätzen, wenn „Sünden“ wie Alkohol und Zucker besteuert werden?
Kurzmeldungen
Potenzial von Urban Farming erneut bestätigt | Podcast-Tipp: Essen zwischen Genuss und Verantwortung
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